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(Heft 2/2017)
Gruppenförderangebote im Werkakademie-Ansatz in Jobcentern

Direktvermittlung von Flüchtlingen in Arbeit

Die Mehrzahl der Geflüchteten sind junge Menschen. Viele von ihnen möchten eine Ausbildung oder ein Studium absolvieren. Allerdings wollen einige schnellstmöglich arbeiten, vor allen diejenigen mittleren Alters, die ihre Chancen als eher schlechter einschätzen. 154.000 Arbeitsplätze könnten Geflüchtete trotz fehlendem Abschluss und mit geringen Sprachkenntnissen besetzen, so eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) vom Juni 2016.

 Im Anschluss an eine Teilqualifizierung (ggf. mit berufsbezogener Sprachförderung) ließen sich sogar weitere Stellen besetzen. Wer kurz- und mittelfristig weder Ausbildung noch Studium absolvieren will oder kann, sollte demzufolge nach dem Absolvieren des Integrationskurses nicht weitere Monate und Jahre auf Förderangebote warten oder in Förderangeboten verbringen, sondern möglichst sozialversicherungspflichtig arbeiten. Berufsbegleitende (Teil-)Qualifikationen oder spätere Externenprüfung sind dabei möglich. Der programmatische Leitsatz der sogenannten Werkakademien „Es ist ihr Job, sich einen Job zu suchen“ gilt für geflüchtete, zugewanderte und einheimische Arbeitsuchende gleichermaßen.

Bildungs- und Erwerbsorien­tierung bei Geflüchteten
 

Die Motivation für das Absolvieren von Schule und Hochschule sowie für eine Ausbildung oder Aufnahme einer Arbeit ist bei vielen Geflüchteten hoch: „Nahezu alle Befragten zeigen eine starke Erwerbs­orientierung und hohe Arbeitsmotiva­tion. (…) Die Abhängigkeit von Transferleistungen des Staates wird zum Teil als demütigend beschrieben. (…) Ähnlich stark ausgeprägt wie die Arbeitsmotivation ist die Bildungsorientierung der meisten Befragten.1
 
Ein bislang nicht näher zu beziffernder Anteil von Geflüchteten möchte so schnell wie möglich arbeiten, um nicht erneut jahrelang eine Ausbildung absolvieren zu müssen und um Familienmitglieder im Ausland finanziell zu unterstützen: „Für jüngere Flüchtlinge bis 25, maximal 30 Jahren wird in der Regel erwartet, dass sie auf den Bausteinen ihrer im Herkunftsland erworbenen Bildung aufbauen, diese komplettieren, Lücken auffüllen und letztendlich einen in Deutschland anerkannten Bildungsabschluss erwerben. (…)

Für ältere Flüchtlinge ab Mitte 30 stellt sich die Situation grundlegend anders dar. Viele Betroffene schätzen ihre persönlichen Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt als eher schlechter ein. (…).2
Diese Einschätzung bezieht sich vor allem auf Tätigkeiten, die einen berufsqualifizierenden Abschluss voraussetzen. Auch  Auswertungen des IAB zu den Anforderungsniveaus künftiger Zielberufe zeigen, dass laut Einschätzung der Vermittlungs- und Beratungsfachkräfte rund 58 % der Arbeitsuchenden Helfer- und Anlerntätigkeiten ausüben könnten, 13 % fachlich ausgerichtete und 5 % Expertentätigkeiten.3 Asylbewerber und Geduldete in Regionen mit guter Arbeitsmarktlage (in Baden-Württemberg überall) können bereits nach drei Monaten legalen Aufent­halts in Deutschland in der Zeitarbeit eingesetzt werden.

Und tatsächlich wächst die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit Fluchthintergrund kontinuierlich: 28.200 Flüchtlinge fanden zwischen Dezember 2015 und November 2016 eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit, weitere 5.000 einen Mini-Job „zumeist in Branchen, in denen bei uns Mangel herrscht“, so Frank-Jürgen Weise, ehemals Vorstand der Bundesagentur für Arbeit. Jeder Vierte ging in die Leiharbeit, gefolgt von Dienstleistungen wie Gebäudereinigung oder Wachdienste, Gastgewerbe, Handel und Kfz-Werkstätten sowie das Gesundheits- und Sozialwesen.4

Aus den acht wichtigsten nicht europäischen Asyl-Herkunftsländern arbeiteten im April 2016 ca. 96.000 Menschen in sozialversicherungspflichtigen Jobs, im Oktober 2016 waren es bereits ca. 123.000.

Frühzeitige Förderung ist sinnvoll – und noch zu selten möglich
 

Zwar besteht für sämtliche Asylsuchende und Geduldete ein Zugang zu Förderleis­tungen wie beispielsweise über den Paragrafen 45 SGB III, das Vermittlungsbudget oder die Einstiegsqualifizierung (EQ), soweit sie aufgrund des Herkunftslandes eine „gute Bleibeperspektive“ haben oder vor dem 1. September 2015 eingereist sind. Allerdings können nur Menschen aus Syrien, Irak, Eritrea, Iran und Somalia im Rahmen des Vermittlungsbudgets und Maßnahmen nach § 45 SGB III ab dem ersten Tag der Einreise gefördert werden, während Antragstellende aus anderen Herkunftsländern drei Monate warten müssen. Zuständig sind die Kommunen und Agenturen für Arbeit. Die Hoffnung vieler Arbeitsmarktakteure, dass für die Mehrzahl der Geflüchteten bereits in den ersten drei bis sechs Monaten die Voraussetzungen für eine Integration in Ausbildung und Arbeit geschaffen werden können, wurde bislang nicht erfüllt. Die durchschnittliche Verfahrensdauer lag 2016 bei sieben Monaten Wartezeit auf die Vorsprache plus sieben Monaten Bearbeitungszeit5, viele Geflüchtete „berichten vielfach von einer langen Wartezeit, die für viele bis zu 2 Jahren an­dauert, ehe das Asylverfahren abgeschlossen ist – mehrheitlich zunächst ohne Zugang zu Sprachkursen.“6

Auch Geflüchtete mit „guter Bleibeperspektive“ warten teilweise Monate auf eine Teilnahme an einem Integrationskurs. Ehrenamt, Bundes- und Landesinitiativen bieten erfolgreich Basissprachkurse an, was die Not bei der Sprachförderung etwas lindert, aber dies bedeutet eben noch nicht, dass die Geflüchteten bereits an Maßnahmen der Berufsorientierung und -vorbereitung sowie Praktika teilnehmen könnten.

Nach Anerkennung als bleibeberechtigter Flüchtling und nach einem Rechtskreiswechsel in das SGB II sind die Jobcenter für deren Grundsicherung zuständig. Um sinkende Motivation, Enttäuschung und Lethargie zu vermeiden, müssten nicht nur Wartezeiten auf Sprach- und Förderkurse, sondern auch die Wartezeiten auf die Beratungstermine mit den Integrationsfachkräften in den Jobcentern verkürzt werden. Den Menschen muss schnell klar werden, dass es von ihrer Eigeninitiative abhängt, dass sie sich um eine Arbeitsstelle, Ausbildung oder Studium kümmern. Dazu benötigen sie Hilfe von Jobcoachs in Jobcentern oder von Bildungsträgern, von ehrenamtlichen Paten und eigenen sozialen Netzwerken. Auch die im IAB-Kurzbericht befragten Experten betonen, dass die Flüchtlinge neben der Schaffung erleichternder formaler Rahmenbedingungen vor allem qualifizierte Unterstützung und aktive Beratung beim Einstieg in den Arbeitsmarkt benötigen.“7

Rechnet man neben der Wartezeit die Zeit für die Teilnahme an Integrationskursen, Förderangeboten, Berufsvorbereitung und die einer Ausbildung dazu, sind fünf Jahre und mehr vergangen. Dies ist Menschen mittleren Alters kaum zuzumuten, die aus verschiedenen Gründen zeitnah eine Arbeit aufnehmen möchten, auch wenn die oftmals noch unzureichende Sprachkompetenz scheinbar dagegen spricht.

Ein häufiges Argument, dass die geflüchteten Menschen weder in einer Fördermaßnahme noch in einer Helfertätigkeit arbeiten könnten, da sie keine „Sicherheitsanweisungen“ verstehen würden, deckt sich nicht mit der Wirklichkeit. Bereits vor dem Absolvieren eines Integrationskurses können sich die meisten Geflüchteten nach wenigen Monaten auf Deutsch verständigen. Das sprachliche Defizit sollte hier immer in Relation zur angestrebten Tätigkeit gesehen werden.

Die aus Sicht der Vermittler und Vermittlerinnen mangelnde Sprachkompetenz und fehlende Formalqualifikationen führen dazu, dass rund 58 % der arbeitsuchenden Geflüchteten den Hinweis erhalten, sich auf Helfertätigkeiten zu bewerben. Aber: „Flüchtlinge verfügen durchaus über Kompetenzen; fehlende Nachweise, mangelnde Vergleichbarkeit und die Frage der Verwertbarkeit der Qualifikation auf dem deutschen Arbeitsmarkt führen aber zunächst zu einer Kennzeichnung „ohne abgeschlossene Berufsausbildung“.8

Auch die Vorstellung, dass in jedem Fall die Sprachförderung Vorrang vor der Integration in Arbeit hat, ist ähnlich wie die Einstufung als Helfer ein Automatismus, der zu Frustration und Lähmung führen kann. Ein syrischer Architekt mit mangelnden deutschen Sprachkenntnissen kann eine Beschäftigung als Lagerhelfer nach dem Besuch des Integrationskurses anstreben, allerdings stellt sich die Frage, ob es nicht auch (zumindest in Großstädten) möglich wäre, Architekturbüros und Bauunternehmen mit arabisch oder englisch sprechenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu finden, die für eine befristete Zeit Helfertätigkeiten vergeben. Möglicherweise könnte er an einem Job-Speed-Dating teilnehmen. Es könnten Eingliederungszuschüsse für diese Helfertätigkeiten angeboten werden. Der Arbeitsgeber-Service könnte einen Pool von Helferstellen akquirieren. Auch die örtliche Architektenkammer könnte angesprochen werden, ob diese Paten zur Unterstützung bereitstellen. Sie könnte eine Gruppe aus Paten und Geflüchteten aus den Berufsbereichen Hochbau, Ausbau und Tiefbau, Architektur und Städtebau einrichten, um bei der Suche nach Praktikastellen zu unterstützen. Dazu gehört auch, Geflüchtete bei der Existenzgründung zu beraten: „Wichtig wäre jedoch, unter den Geflüchteten auch die Menschen zu identifizieren, die bereits Erfahrung im unternehmerischen Bereich haben. Unternehmer mit ausländischen Wurzeln beschäftigten im Jahr 2014 in Deutschland mindestens 1,3 Millionen Menschen. Das waren 36 Prozent mehr als noch 2005.“9

Werkakademieansatz
 

Seit einigen Jahren arbeiten Jobcenter in mehreren Bundesländern erfolgreich mit dem Ansatz der Werkakademie/Work First. In NRW wurde mit Unterstützung des Arbeitsministeriums das Projekt „Aktivierung und berufliche Eingliederung von erwerbsfähigen Hilfebedürftigen (Herner Modell) im Rahmen des SGB II als eigenständige Dienstleistung der Jobcenter“ in den Jahren 2011 bis 2014 umgesetzt. Kennzeichnend für die überraschend guten Integrationsergebnisse von bis zu 50 % der ausgewählten Teilnehmenden (zunächst „Neukunden“, im weiteren Verlauf vor allem „Bestandskunden“) waren folgende Aspekte: Eine durch zwei Jobcoachs (bei bis zu 20 Gruppenteilnehmerinnen und -teilnehmer) unterstützte eigenständige, intensive Stellenrecherche an drei Tagen in der Woche in einem Zeitraum von sechs bis acht Wochen, bei der das fehlende Wissen der Leistungsbeziehenden über aktuelle Standards bei Bewerbungsschreiben und über kreative Bewerbungsstrategien ergänzt wurde. Die Jobcoachs können sich – entlastet von Verwaltungsarbeiten – auf ihre beruflichen Kernkompetenzen der Beratung und Vermittlung konzentrieren. In ansprechenden Räumen, die teilweise über ein Jobcafé oder eine eigene Teilnehmerküche und gemütliche Sitzecken verfügen, haben die Teilnehmenden in der kommunikativen Atmosphäre die Möglichkeit, sich auszutauschen. Die Teilnehmenden unterstützen und motivieren sich gegenseitig. Gruppendiskussionen und -seminare werden durchgeführt, Bewerbungsflyer erarbeitet und spontane Vorstellungsgespräche geübt. Oder es wird vorbereitetes Anrufen statt umständliches Bewerbungsschreiben erprobt. Bewerbungsbögen werden im Internet ausgefüllt. Beziehungsnetzwerke bei Xing und Facebook systematisch bearbeitet. Die direkte Kommunikation mit Unternehmen, d. h., mit deren Leitungskräften und Personalverantwortlichen über Telefon und persönliches Vorsprechen wird geübt.

Potenziale des Werkakademieansatzes für Migranten und Geflüchtete
 

Neben dem klassischen Gruppenangebot, dass das unmittelbare Ziel der Integration in Arbeit (ggf. im Rahmen eines Absolventenmanagements nach (Teil-)Qualifizierung) oder Praktika hat, bei dem vor allem das Ehrenamt unterstützen kann, ist der Werkakademieansatz auch als mehrwöchiger Orientierungskurs denkbar, bei dem sich Teilnehmende arbeitsmarktliche Grundlagen im Rahmen von Gruppenangeboten erarbeiten können. Hier existieren zwar mittlerweile einige Förderangeboten, trotzdem kann hier ein flexibles Angebot, bei dem Teilnehmende nicht Wochen auf den Beginn von Kursen warten müssen, eine Alternative sein. Ein dritter Ansatz ist der, dass sich ausgewählte Teilnehmende eine berufliche Orientierung durch weitere Qualifizierungsschritte erarbeiten.

Die Teilnahme an der Werkakademie im SGB II sollte sich dabei auf folgende Voraussetzungen beschränken: hohe Motivation zur Aufnahme einer Tätigkeit innerhalb von wenigen Wochen.

Potentialanalyse
 

Analog zum Vorgespräch in der klassischen Werkakademie sollte im Vorfeld eine kurze und intensive Potentialanalyse stattgefunden haben. Das Bundesinstitut für Berufsbildung vertritt den Ansatz: „Möglichst früh nach Ankunft sollten Kompetenzen zumindest schematisch erfasst werden mit einem niedrigschwelligen Verfahren, das geringe Ansprüche an deutsche oder englische Sprachkenntnisse stellt und idealerweise bildgestützt und computerbasiert durchgeführt werden kann. Sollte dieses Verfahren Hinweise auf substanzielle Arbeitserfahrungen aufdecken, könnten berufspraktische Kompetenzfeststellungen in Werkstätten, Übungsbüros etc. folgen. Beratungsangebote mit Bezug zum Arbeitsmarkt sollten das gesamte Verfahren begleiten. (…)“

Sofortangebot
 

Die Werkakademie kann hier bereits als Sofortangebot eingesetzt werden: Diejenigen, die sich für eine zeitnahe Arbeitsaufnahme entschieden haben, können sich in der Werkakademie sowohl über ihre beruflichen Perspektive informieren wie auch intensiv auf ihre Bewerbungen konzentrieren. Die Gruppe kann mit Teilnehmenden gemischt werden, die erfolgreich Qualifizierungen absolviert haben. Diese können wiederum die erste Gruppe zum Nachdenken bewegen, ob es nicht sinnvoller sein könnte, einen längeren, aber materiell lohnenderen Weg über berufliche Qualifizierung einzuschlagen.

Beide Gruppen wollen und müssen sich intensiv auf Bewerbungsgespräche vorbereiten. Letztlich führt der Weg zum Ziel über die Hürde eines kurzen Bewerbungsgespräches oder die ersten Tage im Kurzpraktikum. Hier sind viele tradierte Regeln zu beachten, fehlende Vorbereitungszeit und Schwierigkeiten in der interkulturellen Kommunikation können auf beiden Seiten sehr schnell Missverständnisse provozieren.10 Dem kann in Gruppenarbeiten und -schulungen zu Bewerbungsgesprächen, auch unter Einbezug von Mentoren und Mentorinnen, vorgebeugt werden. Sie könnten in den Grundlagen deutscher Bewerbungsstandards durch Beschäftigte der Werkakademie geschult werden, und ihre Mentees zu den Vorstellungsgesprächen begleiten.

Zusammen mit dem Arbeitgeber- und Vermittlungs-Service können die „Zugangsbarrieren“ für Arbeitgeber durch aussagekräftige, kurze Kompetenzprofile, Job-Speed-Datings in kleiner Runde oder vorbereitende Informationsgespräche für Arbeitgeber gesenkt werden.

Die Werkakademie im Jobcenter Hannover
 

Der Begriff „Flüchtling“ verleitet dazu, eine Zielgruppe zu konstruieren, der man dann mit scheinbar zielgruppengerechten Angeboten „zu Leibe rückt“. Hier stellt sich die Frage, wann aus einem Flüchtling ein Migrant wird. Wann ist er bzw. sie ein Arbeitsuchender/eine Arbeitsuchende wie andere auch? Flüchtlinge sind nicht erst gestern angekommen, leben teilweise seit vielen Monaten oder Jahren in Deutschland. Eine Herausforderung für Beraterinnen und Berater besteht darin, die Balance zwischen einem Verständnis über die Geflüchteten als „Arbeitsuchende wie alle anderen auch“ und spezifischer Beratung hinsichtlich (Arbeits-), Kultur- und Sprach­anforderungen zu halten.

Die Zusammenarbeit in der Werkakademie Jobbüro 64F orientiert sich an den individuellen Potenzialen und Problemlagen der Teilnehmenden: „Die Aktivierung ist am Kompetenz- statt am Defizitansatz auszurichten. Dies beinhaltet, dass Lernsituationen zu schaffen sind, die an vorhandenen Kenntnissen und Kompetenzen anknüpfen und in denen die Teilnehmer ihre Fähigkeiten erkennen und zur Entfaltung bringen können (Empowermentansatz).“11

Vor allem beinhaltet der Aktivierungsansatz einen Perspektivwechsel im Rollenverständnis von Jobcoachs und Kundinnen/Kunden: Weg von einer oft defizitorientierten Betreuung eines Leistungsempfängers, hin zu einem ressourcenorientierten Coaching eines engagierten Bewerbers. „Es ist ihr Job, einen Job zu suchen und zu finden“. Dies gilt auch für geflüchtete Menschen bzw. Migranten, die gemeinsam mit deutschen Leistungsberechtigten in einer Werkakademie ihren Job suchen sollten, meint Roman Sorge, Jobcoach im Jobbüro 64F.

Das Jobcenter Hannover setzt darauf, dass die vorhandenen Werkakademien (Jobbüros) als integriertes Angebot für Deutsche und Migranten arbeiten. Nachdem das Jobcenter Hannover bereits in Projekten wie der Werkakademie für Langzeitarbeitslose (Jobbüro ESF-LZA) positive Erfahrungen mit der beruflichen Integration von Migranten machen konnte, die sich deutlich länger als ein Jahr in Deutschland aufhielten, soll nun im Jobbüro 64F getestet werden, ob die Vermittlung von Flüchtlingen ebenso erfolgreich sein kann. Von den mindestens 16 Teilnehmerplätzen sollte 30 % durch Asylberechtigte und anerkannte Flüchtlinge besetzt werden.

Beratung und Coaching
 

Jobcoachs des Jobcenters und des Bildungsträgers arbeiten im „Tandem“, das Förderangebot und die Voraussetzungen für die Arbeit im Jobbüro mit Geflüchteten sind überschaubar: Es sollen berufsbezogene Sprachkenntnisse vermittelt bzw. diese erweitert werden; die Geflüchteten sollen über genügend Sprachkenntnisse verfügen, um den Inhalten der Maßnahme folgen zu können. Die berufsbezogene Sprachförderung erfolgt zusätzlich in Kleingruppen mit maximal 5 Teilnehmenden. Die Teilnahmedauer beträgt in der Regel 12 Wochen mit einer Anwesenheitspflicht (Präsenzzeit) von mindestens 20 Std. pro Woche. Mindestens die Hälfte der Zahl der eingesetzten Jobcoachs muss über interkulturelle Kompetenz und Kenntnisse bzw. Vorerfahrungen mit der Vermittlung der deutschen Sprache verfügen. Jobcoachs und Arbeitsuchende werden sich gemeinsam zeitnah darüber klar, was die nächs­ten Schritte sind bzw. sein könnten. Für unterschiedliche Problemlagen müssen flexible Lösungsstrategien vor allem von den Betroffenen selbst entwickelt werden. Mentoren könnten hier eine sehr wichtige Rolle spielen, auch die Zusammenarbeit mit Kammern ist wichtig. Neue, unkomplizierte Vermittlungswege werden gegangen, der „direkte Draht“ zu örtlichen Arbeitgebern gepflegt, Initiativbesuche im Unternehmen noch vor einer Initiativbewerbung durchgeführt.

Dies alles sind Ansätze, die Roman Sorge unterstützt. Allerdings sei die Motivationslage sehr unterschiedlich. Einige Geflüchtete gehen davon aus, dass die Jobcenter – ähnlich, wie sie es bei dem Angebot von Sprachkursen und anderen Maßnahmen erfahren haben – alle Aktivitäten für die Ausbildungs- bzw. Arbeitsplatzsuche übernehmen, zudem fällt es vielen schwer, nach der Entscheidung über ihren Asylantrag nach der oft langen Phase der Untätigkeit und des Wartens nun schnell auf ein hohes Maß an Eigeninitiative umzuschalten. Andere Geflüchtete gehen davon aus, dass sie sich im Wesentlichen selbst um die Arbeitsuche kümmern müssen, und versuchen mithilfe des eigenen sozialen Umfeldes, einen Arbeitsplatz zu finden – allerdings fehlt es an niedrigschwelligen Zugängen zum deutschen Arbeitsmarkt. Diejenigen Personen mit einer zumeist abgeschlossenen (akademischen) Berufsausbildung wählen den Weg der schriftlichen Bewerbung, obwohl dieser als sehr zäh beschrieben wird. Diese Erfahrungen teilt Roman Sorge mit Beschäftigten aus vielen weiteren Jobcentern.12

Beispiele für die Integration von Geflüchteten
 

Durch seine vorherige Tätigkeit im Jobbüro ESF-LZA kann er von einigen positiven Beispielen berichten. Allerdings handelt es sich hier um Integrationsbeispiele für Geflüchtete, die bereits seit Längerem in Deutschland leben. So konnte Herr Okoye13, der aus Nigeria stammt und seit zwei Jahren in Deutschland lebt, durch frühzeitige Sprachförderung und Förderangebote im Bereich Lager/Logistik durch Mithilfe der Jobcoachs des Jobbüros eine Stelle als Fahrer und Monteur finden. Die Geflüchteten haben hohe Erwartungen, bringen aber auch hohe Motivation zu arbeiten mit, so auch im Beispiel von Herrn Malki, der in Syrien als Rechtsanwalt tätig war und über einen langen Reflexionsprozess die nächsten Schritte für sich in Richtung Arbeitsaufnahme geht. Er strebt nun eine Tätigkeit im Bereich Lager und Logistik an, der nächste Schritt ist ein weiterer Sprachkurs.

Vor, nach und auch während der Integrationskurse ist viel Zeit für praktische Arbeitserfahrung vorhanden. Deutlich mehr Praktikastellen, Minijobs und Teilzeitstellen zu akquirieren bzw. diese mit den Geflüchteten gemeinsam zu finden und zu besetzen, ist eine wesentliche Herausforderung. Herr Alkalash beispielsweise war Bilanzbuchhalter bei einer mittelständischen Firma in Damaskus und lebt seit 18 Monaten in Hannover. Mit knapp über 50 Jahren und durchschnittlichen Deutschkenntnissen sind seine Chancen, als Bilanzbuchhalter eine Arbeit in der Region zu finden, eher schlecht. Herr Alkalash fand dann durch seine Teilnahme am Förderangebot des Jobbüros des Jobcenters Hannover eine Stelle im Bereich Textilpflege. Konkret: Er bügelt Hemden. Das hat er schon immer gerne in seiner Freizeit getan.

Herr Farhi ist promovierter Chemiker, er war Werksleiter in einem Vorort von Aleppo. Gerne war er dazu breit, einige Monate lang als arabisch-deutscher Übersetzer in Teilzeit für das BAMF zu arbeiten. Sein Ziel ist es, als promovierter Chemiker in Deutschland zu arbeiten. Trotz mehrerer Wochen Teilnahme am Jobbüro konnte er sich noch nicht dazu bewegen, über Alternativen nachzudenken. Bei einigen Teilnehmenden sei ein längeres Reflektieren notwendig, so Jobcoach Roman Sorge.

Vier Beispiele, stellvertretend nicht nur für den Bewerberalltag geflüchteter Menschen, sondern auch für deutsche Arbeitsuchender. Die Fragestellung ist dabei immer die, wie man arbeitsuchenden Menschen unabhängig von der Herkunftssituation am effektivsten helfen kann, ihre Ressourcen zu nutzen und zu entwickeln.

Roman Sorge hat im Jobbüro die Erfahrung gemacht, dass die Arbeit mit Geflüchteten, die sich seit einem längeren Zeitraum in Deutschland aufhalten, durchaus erfolgreich ist. Die Arbeit mit Flüchtlingen, die erst wenige Monate in Deutschland sind, werde allerdings oftmals durch deren mangelnde Sprachkenntnisse erschwert. Rund ein Drittel der geflüchteten Teilnehmenden seien nach ein bis zwei Tagen nicht mehr wiedergekommen. Anscheinend gäbe es unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungshaltungen zur Teilnahme bzw. diese Teilnehmenden hätten möglicherweise Aufgaben und Ziele der Werkakademie auch sprachlich nicht nachvollziehen können. Auch die Motivationslage bei einer wachsenden Zahl von Migranten in der Werkakademie würde sich verschlechtern. Die Zahl der marktfernen Kunden in dieser Zielgruppe steige. Dies könnte mit einer verbesserten Arbeitsmarktlage zu tun haben, die dazu führt, dass ein gro­ßer Teil der motivierten Arbeitsuchenden bereits in Arbeit ist.

Schlussfolgerungen
 

Voraussetzung für eine gelingende Förderung sind engagierte Mitarbeitende bzw. Jobcoachs, die gemeinsam mit motivierten Geflüchteten Perspektiven zur arbeitsmarktlichen Integration entwickeln. Jobcenter stehen hier vor der Herausforderung, für diese anspruchsvolle Arbeit ausreichend qualifiziertes und motiviertes Personal einsetzen zu können.

Vermittlungsbemühungen scheitern öfter an mangelnder Sprachkompetenz. Ohne Sprachkompetenzen nutzen die besten Qualifikationen nichts – mit dem Fahrrad alle Arbeitgeber der Umgebung abzuklappern, führt zum kläglichen Scheitern.14 Deshalb sollte sich eine passende Integrationsstrategie an den vorhandenen Sprachkompetenzen und den angestrebten Zielen der Geflüchteten orientieren und diese sollte gemeinsam erarbeitet und umgesetzt werden. Die Arbeit der Jobcoachs und Talentscouts kann somit nicht auf die Funktion einer Vermittlung reduziert werden, sie ist vielmehr eine Beratung, die den Geflüchteten dabei hilft, eigene Überlegungen anzustellen und Erfahrungen zu sammeln.

Die Werkakademie kann bei vielen, aber nicht allen, erfolgreich sein, die schnell eine Arbeit aufnehmen wollen. Das Ziel einer schnellen Arbeitsaufnahme kann aber auch dem Ziel einer existenzsichernden, dauerhaften Beschäftigung entgegenstehen. Letztere ist vor allem durch eine berufsbegleitende (Teil-)Qualifikation zu erreichen, allerdings ist dazu eine regelmäßige Beratung derjenigen wichtig, die ergänzende Leistungen zu ihrem Einkommen erhalten. Auch diejenigen ohne ergänzenden Leistungsbezug könnten durch das SGB III in Programmen wie WEGeBaU gefördert werden. Dazu müsste das Beratungsangebot zu beruflicher Entwicklung vor allem für Flüchtlinge weiter ausgebaut werden.


1 IAB Kurzbericht 15/2016, S. 6

2 IAB-Forschungsbericht 09/2016, S. 116

3 IAB Bericht „Zuwanderungsmonitor“, Juli 2016

4 Rheinische Post vom 10.07.2016

5 Tagesschau.de: Verfahrensdauer für Asylbewerber. Warten – fast ein Jahr lang. Stand: 12.10.2016

6 IAB-Forschungsbericht 09/2016, S. 85

7 ebenda, S. 6

8 BA Statistik: Hintergrundinformation. Geflüchtete Menschen in den Arbeitsmarktstatistiken, Juni 2016

9 Migrantenunternehmen sind Jobmotor für Deutschland. Spiegel-online, 11.08.2016

10 Vgl. Berlin-Institut, An die Arbeit, S. 14

11 Leistungsbeschreibung Jobbüro 64F des Jobcenters Hannover, Stand 14.07.2016

12 vgl. IAB Kurzbericht 15/2016, S. 10 und IAB-Forschungsbericht 09/2016, S. 108 f.

13 Die Personennamen wurden geändert.

14 Vgl. Berlin-Institut: An die Arbeit, S. 16

Ansprechpartner in der G.I.B.

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