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(Heft 3/2017)
Komplexes Gesundheitskonzept für arbeitssuchende Personen des Jobcenters Kreis Warendorf

Aktivieren – sich mit der eigenen Gesundheit beschäftigen

Ein hoher Anteil Arbeitsloser weist vermittlungsrelevante Gesundheitseinschränkungen auf. Für das Jobcenter Kreis Warendorf war das der Anlass, ein Gesundheitskonzept zu entwickeln, um Arbeitsuchenden mit psychischen oder anderen gesundheitlichen Problemen bessere Chancen auf Teilhabe am Arbeitsleben zu eröffnen und zugleich die eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Umgang mit entsprechend beeinträchtigten Menschen zu stärken.

Selbst die Erfahrensten unter ihnen wussten nicht mehr weiter: „Entweder sind sie wirklich krank oder sie entziehen sich nur. Wie auch immer: Wir bekommen sie einfach nicht in Arbeit!“ „Wir“, das sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus der Arbeitsvermittlung und dem Fallmanagement im Jobcenter Warendorf, und „sie“, das ist eine Gruppe von Langzeitarbeitslosen, die trotz aller Aktivierungsmaßnahmen bislang den Weg in den Arbeitsmarkt nicht haben finden können.

So wie den Beschäftigten im Jobcenter Warendorf ergeht es fast allen ihren Kolleginnen und Kollegen in den anderen Jobcentern des Landes. Auch sie stehen vor der Aufgabe, einer wachsenden Zahl von Menschen mit gesundheitlichen sowie psychischen, psychosozialen und psychosomatischen Problemen und Erkrankungen eine berufliche und gesellschaftliche Integration zu ermöglichen – und scheitern oft daran.

Kaum eine Überraschung, denn die Herausforderung ist qualitativ wie quantitativ enorm. Laut offizieller Arbeitslosenstatistik wiesen im Juni 2010 bundesweit 17,4 % aller Arbeitslosen im SGB II-Bereich sowie 21,2 % im SGB III-Bereich vermittlungsrelevante Gesundheitseinschränkungen auf, zusammen also rund 540.000 Personen. Nach Berechnungen des IAB für das Jahr 2007 lag die Zahl der Arbeitslosengeld II-Empfänger mit gesundheitlichen Einschränkungen sogar bei 35 %, also mehr als einem Drittel.

Zwei Hypothesen versuchen, das Phänomen zu erklären. Laut Selektionshypothese führt Krankheit in die Erwerbslosigkeit, weisen gesundheitlich eingeschränkte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ein höheres Risiko auf, entlassen zu werden und haben eine geringere Chance auf berufliche Reintegration. Die Kausalitätshypothese hingegen geht davon aus, dass Arbeitslosigkeit sich auf den Gesundheitszustand der Erwerbslosen auswirkt. Psychische Beeinträchtigungen sind deshalb als Folge von Arbeitsplatzverlust und Langzeitarbeitslosigkeit zu betrachten.

Erst beide Hypothesen zusammen ergeben ein vollständiges Bild. Doch trotz des daraus resultierenden Bedarfs an umfassenden und flächendeckenden Angeboten, kooperieren Arbeitsvermittlung und Gesundheitsförderung eher selten. Gründe dafür gibt es viele. Einer davon sind die unterschiedlichen gesetzlichen Aufträge: So gilt für die Gesundheitsförderung bzw. die gesetzlichen Krankenversicherung der Grundsatz von Prävention, Erhaltung und Wiederherstellung des Gesundheitszustandes (SGB V), für die Arbeitsmarktförderung hingegen die Integration in Arbeit.

Arbeitskreis Qualitätsarbeit SGB II
 

Um Arbeitsuchenden mit psychischen Problemen bessere Chancen auf Teilhabe am Arbeitsleben zu eröffnen und zugleich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jobcenter im Umgang mit psychisch beeinträchtigten Menschen zu stärken, hatte sich die Arbeitsgruppe „Unterstützung von Arbeitsuchenden mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen“ gebildet. Ihr gehörten das heutige Minis­terium für Arbeit, Gesundheit und Soziales an, die Jobcenter der Kreise Düren, Ennepe-Ruhr, Euskirchen, Gütersloh und Warendorf sowie die G.I.B. und punktuell das Jobcenter der Städteregion Aachen.

Nach den Erkenntnissen der Arbeitsgruppe liegen die Herausforderungen in der Fallarbeit vor allem im Erkennen möglicher Erkrankungen und in der Auswahl der passenden Integrationsstrategien. Unerlässlich für die Fallarbeit mit psychisch erkrankten Arbeitsuchenden sind dem entsprechend Fachkenntnisse zum adäquaten Umgang mit den Beeinträchtigungen sowie das Wissen über die regional vorhandenen therapeutischen Hilfe- und Unterstützungsstrukturen und -angebote.

Weil der Aufbau von entsprechendem Fachwissen bei jeder einzelnen Integrationsfachkraft unter wirtschaftlichen Aspekten ineffizient ist, empfiehlt die Arbeitsgruppe, geeignete spezialisierte Integrationskräfte zu beauftragen und fachlich zu schulen. Aufbauorganisatorisch sollten die geschulten Integrationsfachkräfte entweder als Spezialisten in den meist sozialräumlich zugeschnittenen Integrationsteams oder in einem eigens aufgestellten Spezialteam „Psyche/Sucht“ angesiedelt sein, ergänzt durch Arbeitsbereiche wie zum Beispiel Erwerbsfähigkeitsprüfung oder „Reha/Schwerbehinderung“.
 
Für die Fallarbeit mit psychisch und psychosomatisch beeinträchtigten Arbeitsuchenden ist nach Überzeugung der Arbeitsgruppe zudem die Einbindung des örtlichen Hilfenetzwerks und der vorhandenen therapeutischen Angebote unverzichtbar: Je besser die Verzahnung, desto erfolgreicher der gesamte Integrationsprozess. Außerdem, so ein weiteres Ergebnis der Arbeitsgruppe, sollten Dauer und Intensität der Arbeitsfördermaßnahmen des SGB II bei psychisch Beeinträchtigten möglichst individuell gestaltet sein. Sie adäquat durchzuführen, erfordert eine hohe Professionalität des Maßnahmen-Personals.

Zur Ausgangslage
 

Viele der vom Arbeitskreis entwickelten Vorschläge hat das Jobcenter Kreis Warendorf bereits umgesetzt. Auch hier ist das Thema, wie eingangs illustriert, von hoher Relevanz. Hier weisen nach hauseigenen Statistiken rund 35 Prozent der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten vermittlungsrelevante gesundheitliche Beeinträchtigungen auf. „Ich war entsetzt“, sagt Klaus Feldmann, einer von sieben Teamleitern im aktivierenden Bereich, „als ich die Zahlen der unter 25-Jährigen mit diagnostizierter oder nicht diagnostizierter psychischer Erkrankung gelesen habe. Sie lagen bei fast 40 Prozent. Hinzu kommen multiple Probleme zum Beispiel aufgrund von Wohnungslosigkeit oder Gewalterfahrungen.“

Die eruierten Zahlen haben nach Überzeugung von Martin Hanewinkel, Sachgebietsleiter im Jobcenter Kreis Warendorf und dort zuständig für den Bereich aktivierende Leistungen, bewiesen, dass die Klagen und Hinweise der Arbeitsvermittler und Fallmanager keineswegs nur als „gefühlte Wahrnehmungen“ zu deuten sind: „Uns war sofort klar, dass so unser Kerngeschäft, die Vermittlung in Arbeit, gefährdet ist. Wir können uns nicht darauf beschränken, nur die Leistungsfähigsten in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Zu unserem gesetzlichen Auftrag gehört auch, alle anderen langsam an den Arbeitsmarkt heranzuführen. Wenn wir das ernst nehmen, kommen wir um das Thema Gesundheit und Gesundheitsorientierung nicht herum.“

Doch das Gesundheitssystem, weiß der Sachgebietsleiter, hat eine Komm-Struktur, das heißt, Betroffene müssen zum Arzt gehen, wenn sie sich nicht gut fühlen, oder müssen selbst einen Reha-Antrag stellen. „Aber für einen Teil des Klientels funktioniert die Komm-Struktur nicht“, weiß Martin Hanewinkel, „sondern sie bleiben zu Hause und igeln sich ein. Die einfachste Antwort persönlicher Ansprechpartner darauf ist die Aussage: Der will nicht. Der Wirklichkeit kommen wir jedoch näher, wenn wir die komplexe Welt der Gesundheit mit einbeziehen. Der Aufbau von Druck und die Verhängung von Sanktionen hingegen verbessert nichts bei der Gesundheit, sondern macht alles eher noch schlimmer. Wir mussten also die Herausforderung konstruktiv angehen und den persönlichen Ansprechpartnern konkrete Angebote an die Hand geben, mussten Arbeitsvermittlung und Gesundheitsorientierung kombinieren.“

Neues Gesundheitskonzept
 

Für das Jobcenter des Kreises war das der Anlass, ein Gesundheitskonzept zu entwickeln mit dem Ziel, die Gesundheits- und Beschäftigungsfähigkeit der Erwerbslosen durch gesundheitsorientierende Maßnahmen zu erhalten oder wiederherzustellen, um so mittel- und langfristig eine berufliche Reintegration der Erwerbslosen zu realisieren.

Zurückgreifen konnte das Jobcenter dabei auf seine Erfahrungen aus der „Joboffensive 50 plus“, an der es von 2009 bis 2015 mit fünf anderen Kooperationspartnern beteiligt war. „Zwölf unserer Arbeitsvermittler bzw. Coachs waren in diesem Tätigkeitsfeld aktiv“, erinnert sich Klaus Feldmann. „Sie haben sich sehr intensiv mit dem Thema Gesundheit befasst und konnten so über 50-Jährige mit abgeschlossener Ausbildung und Berufserfahrung trotz gesundheitlicher Einschränkungen wieder in Arbeit integrieren. Warum sollte das nicht auch bei anderen funktionieren?“

Für die Verantwortlichen ergaben sich aus den besagten Selektions- und Kausalitätshypothesen zwei Zielgruppen für das Gesundheitskonzept: Zum einen Erwerbslose, die aufgrund ihres Arbeitsplatzverlusts besonderen gesundheitlichen Belastungen und Risiken ausgesetzt sind, aber noch keine Einschränkungen aufweisen. Diese Personengruppe ist der „klassischen Prävention“ zuzuordnen, die bereits vor Eintritt einer gesundheitlichen Störung eintritt und mögliche Einschränkungen verhindern soll.

Zweite Zielgruppe sind Erwerbslose mit bereits vorhandenen physischen und psychischen Belastungen, die eine Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt erschweren. Diese Zielgruppe benötigt ein umfassendes Angebot an arbeitsintegrativen, psychosozialen und gesundheitsbezogenen Leistungen.

Das im Kreis Warendorf entwickelte Konzept basiert auf drei Bausteinen, „die wir zum Teil aus anderen Regionen kennen“, räumt Martin Hanewinkel ein: „Wir haben nicht alles selbst erfunden.“ Bausteine sind, erstens: Qualifizierung der Mitarbeitenden des Jobcenters. Zweitens: gesundheitsorientierende Maßnahmen nach § 45 SGB III bei Bildungsträgern und Gruppenangebote durch eigene Mitarbeitende. Drittens: die Vernetzung mit anderen Akteuren der Arbeits- und Gesundheitsförderung sowie die Nutzung von Elementen der Arbeitsförderung und des Gesundheitssystems.

Zentrales Erfolgskriterium: Qualifizierung der Mitarbeitenden
 

Am Anfang steht die umfassende Qualifizierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Viele von ihnen verfügen bereits über Erfahrungen im Umgang mit physisch und psychisch eingeschränkten Leis­tungsempfängern. Doch insbesondere bei den psychischen Erkrankungen bestehen „Unsicherheit und Berührungsängste“.

Als Konsequenz daraus werden Vermittler und Fallmanager im Jobcenter Warendorf jetzt zum Thema „physische und psychische Krankheitsbilder“ geschult. Zudem wird ihnen das gesamte Spektrum an Möglichkeiten zur beruflichen Wiedereingliederung vermittelt. Darüber hinaus können Arbeitsvermittlerinnen und -vermittler an Auffrischungsschulungen teilnehmen, die darüber informieren, wie sich kommunale Leistungen nach § 16a SGB II (z. B. Sucht- und Drogenberatung, Sozialpsychiatrischer Dienst) sowie die Angebote weiterer Netzwerkpartner für eine Wiedereingliederung nutzen lassen. Eingebunden in die Schulungen sind Hinweise zu Angeboten im Gesundheitsbereich wie zum Beispiel Reha-Sport über den Hausarzt oder Präventivangebote der gesetzlichen Krankenversicherung.

Nach dem Absolvieren der Schulungen, ist Klaus Feldmann überzeugt, sind alle Mitarbeitenden in der Lage, neben der beruflich orientierten Beratung und Vermittlung bei Bedarf gesundheitsorientierte Hilfeangebote aufzuzeigen und den Kontakt zu den Anbietern herzustellen: „Wir können keine Ärzte oder Therapeuten ausbilden, das ist auch nicht nötig, aber die Arbeitsvermittlerinnen und -vermittler bekommen so zumindest ein Gespür für das eventuelle Vorliegen einer psychischen Erkrankung und wissen dann, welche Partner hinzugezogen werden müssen.“

Neue Ansätze: Diagnostik und Coaching
 

Die zweite Zielgruppe des Konzepts, also Erwerbslose mit bereits vorhandenen gesundheitlichen Einschränkungen, die multiple Hemmnisse aufweisen und bei denen eine Integration in den Arbeitsmarkt vorerst nicht möglich ist, wird überwiegend im sozialintegrativen Fallmanagement (sFM) betreut. Hier steht der „Abbau arbeitsmarktentfremdender Faktoren“ im Vordergrund.

Hier erhalten die Fallmanagerinnen und -manager vertiefende Fortbildungen speziell im Bereich der psychischen und physischen Erkrankungen, um problematische Betreuungsverläufe zu erkennen und passende Hilfsmaßnahmen einzuschalten. Zudem bilden sie sich im Bereich motivierender Gesundheitsgespräche fort, wobei der „Job Fit“-Ansatz zum Tragen kommt, nach Kenntnis von Martin Hanewinkel „der einzige Beratungsansatz im Bereich der Arbeitslosen, der selbstgefährdendes Verhalten wie falsche Ernährung, Rauchen und Alkohol in den Fokus rückt.“

Tatsächlich hat der klientenzentrierte Beratungsansatz drei Ziele: Gesundheitsförderung, Prävention gesundheitsschädigender Verhaltensweisen sowie Stärkung persönlicher Ressourcen zur Bewältigung der Arbeitslosigkeit.

Konkret sieht ein erstes Beratungsgespräch so aus: Zu Beginn erhalten die Teilnehmenden einen Fragebogen, der das gesundheitsbezogene Verhalten mit den Schwerpunkten Bewegung, Ernährung, Rauchen und Alkoholkonsum sowie Veränderungswünsche in den jeweiligen Bereichen thematisiert. Direkt anschließend wird auf Basis der Ergebnisse das Beratungsgespräch geführt und ein Gesundheitsprofil erstellt, das die Diskrepanzen zwischen dem eigenen Verhalten und einem gesundheitsförderlichen Lebensstil aufzeigt. Ist der oder die Arbeitslose einverstanden, schließt sich die gemeinsame Erarbeitung eines Plans zur Verhaltensänderung im Gesundheitsbereich an.

Koordinatoren für psychische Erkrankungen
 

Weiteres wichtiges Element des Gesundheitskonzepts ist die Weiterbildung von zwei Mitarbeitenden zu Koordinatoren für psychische Erkrankungen. Sie sind in der Lage, Anzeichen für psychische Störungsbilder im Betreuungsverlauf zu erkennen und weitere Hilfemaßnahmen zu initiieren. Martin Hanewinkel: „Die Koordinatoren dienen kreisweit als Ansprechpartner für die Arbeitsvermittler und Fallmanager und können bei schwierigen Beratungskontexten mit einbezogen werden. Sie stehen im regelmäßigen Austausch mit dem sozialpsychiatrischen Dienst und kennen weitere Fachdienste und Therapeuten im Kreis Warendorf und Umgebung.“

Wie genau der „Koordinatoren-Plan“ umgesetzt wird, ist aufgrund ungeklärter Personalfragen noch nicht entschieden: „Die beiden infrage kommenden Mitarbeiterinnen verfügen in diesem Handlungsfeld bereits über einschlägige Erfahrungen, sind aber intensiv in das Tagesgeschäft eingebunden. Ohne dass es hier zu Beeinträchtigungen kommt, können wir sie nicht einfach für eine übergreifende Tätigkeit in der Größenordnung einer halben Stelle aus dem Team herausnehmen.“ Alternative ist vielleicht die Beauftragung eines externen zertifizierten Dienstleisters.“

Eine organisatorische Lösung wird es aber auf jeden Fall geben, verspricht Martin Hanewinkel, „denn wir sind in der Bringschuld, weil unser Gesundheitskonzept Bestandteil des vom Kreistag beschlossenen Kreisentwicklungsprogramms 2030 ist. Für uns ist das sowohl eine Verpflichtung als auch eine Chance, denn so ist unser Vorhaben auch politisch legitimiert.“

Sozialtrainings und Ressourcenaktivierung
 

Zweiter Bestandteil des Gesundheitskonzepts – nach der Qualifizierung der Mitarbeitenden – sind die gesundheitsfördernden Maßnahmen. So wird die berufliche Eingliederung erwerbsfähiger Leistungsberechtigter durch arbeitsmarktintegrative Maßnahmen nach § 45 SGB III gefördert. Sie können bis zu einem Anteil von 20 Prozent gesundheitsfördernde Elemente wie Aktivitäten zur Stressbewältigung, Bewegung, Ernährung oder zum Umgang mit Suchtproblemen enthalten.

Die konkreten Maßnahmen des Jobcenters Kreis Warendorf unterscheiden sich jedoch für die zwei genannten Zielgruppen: Erwerbslose, die noch keine schwerwiegenden gesundheitlichen Einschränkungen besitzen, aber aufgrund ihrer Arbeitslosigkeit ein Risiko für gesundheitliche Belastungen aufweisen, können an Maßnahmen teilnehmen, bei denen die Verbesserung der Eingliederungschancen im Vordergrund stehen, inklusive Hilfe zur Selbsthilfe sowie einer Sensibilisierung für gesundheitsgerechtes Verhalten.

Sozialtrainings – einzeln oder in Gruppen – bereiten die Zielgruppe darauf vor, den alltäglichen Anforderungen in einem Betrieb entsprechen zu können. Klaus Feldmann: „So kann ein Teilnehmer, der unter Angst vor Vorstellungsgesprächen leidet, in Begleitung seiner sozialpädagogischen Betreuung Atem- und Entspannungsübungen erlernen. Je nach Bedarf werden die Erwerbslosen an weitere Beratungs- und Hilfeangebote weitergeleitet, so bei Übergewicht zum Beispiel an Ernährungsberatungsstellen oder an Präventivangebote der gesetzlichen Krankenversicherung.“
 
Personen mit bereits vorhandenen gesundheitlichen Einschränkungen bietet das Jobcenter niederschwellige Maßnahmen an. Hier steht die Aktivierung von Ressourcen im Mittelpunkt, einschließlich Bewerbungs- und Vorstellungstraining. Klaus Feldmann: „Lassen es die gesundheitlichen Einschränkungen zu, kann der Erwerbslose verschiedene Berufsfelder kennenlernen. Außerdem wird er bei der Suche nach geeigneten Praktikumsstellen, Probearbeiten oder auch Beschäftigungen auf dem ersten Arbeitsmarkt unterstützt.“

Die Vermittlung gesundheitsfördernder Alltagskompetenzen umfasst Themen wie etwa gesunde Ernährung mit gemeinsamen Kocheinheiten, Selbst- und Zeitmanagement, Stärkung des Selbstbewusstseins, Motivationsaufbau und Verbesserung der Selbstwahrnehmung. Ergänzt wird das Angebot um regelmäßige Gruppenbewegungseinheiten wie etwa Ballspiele, Spaziergänge, Yoga und Entspannungsübungen. Darüber hinaus können die Teilnehmenden vor Ort Gespräche mit Psychologen führen und bei Bedarf weitere Hilfeangebote von Dritten wie Fachärzten oder Kurberatung in Anspruch nehmen.

Komplexes Integrations-Assessment
 

Neuantragstellenden und auch Bestandskunden mit erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen bietet das Jobcenter im Kreis Warendorf in Zusammenarbeit mit dem medizinischen und psychologischen Fachpersonal eine kurzfristige Klärung der Leistungsfähigkeit sowie eine mögliche berufliche Neuorientierung.

Neben den regulären Maßnahmen nach § 45 SGB III plant das Jobcenter für Leis­tungsempfänger verschiedene Workshops im eigenen Haus. Sie sollen sich an den unterschiedlichen Bedarfen der genannten Zielgruppen orientieren und sich inhaltlich vorwiegend gesundheitsfördernden Themen widmen. „Das besonders niederschwellige Angebot“, weiß Klaus Feldmann, „zeigt sich besonders förderlich für erwerbsfähige Leistungsberechtigte mit multiplen Vermittlungshemmnissen, die in das reguläre Maßnahmenangebot nur schwer einmünden können.“

Ergänzt werden die Schulungen im Bereich der motivierenden Gesprächsführung durch gesundheitsfördernde Schulungen nach dem Konzept „AktivA“ (Aktive Bewältigung von Arbeitslosigkeit). Die Maßnahme für erwerbsfähige Leistungsberechtigte will den Teilnehmenden Kompetenzen für eine gesundheitsförderliche Gestaltung ihres Alltags vermitteln, was sich positiv auf deren unmittelbare Lebensqualität wie auch auf ihre Beschäftigungsfähigkeit auswirkt.

Eine zentrale Rolle spielt auch das über Aktivierungs- und Vermittlungsgutscheine angebotene Integrations-Assessment (IAS), bei dem verschiedene Module zur Auswahl stehen, die je nach Bedarf kombiniert werden können. Wichtig für die Wiedereingliederung in das Arbeits- und Berufsleben sind insbesondere vermittlungsrelevante Faktoren wie Stabilität und Veränderungsbereitschaft. Der Vergleich des vorhandenen Potenzials mit dem individuellen Arbeitsmarkt ermöglicht nach Ansicht des Jobcenter-Mitarbeiters die Identifikation möglicher Berufsfelder.

Darüber hinaus bietet das IAS eine medizinisch-psychologische Diagnostik. Hier arbeiten Mediziner, Psychologen, Jobcoachs und Teilnehmende in verschiedenen Modulen intensiv zusammen. Am Ende steht ein konkreter Plan, an dem sich das zukünftige Handeln des Teilnehmenden orientiert. Das betrifft gesundheitliche Aspekte genauso wie etwaige Qualifizierungen oder die Vermittlung in Arbeit. „Ein kostenintensiver Ansatz“, so Martin Hanewinkel, „der sich aber bewährt hat.“

Kooperation im Gesundheitsnetzwerk
 

Für ein umfassendes Gesundheitskonzept, das den verschiedenen Bedarfen der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten gerecht wird, wissen die verantwortlichen Akteure im Jobcenter des Kreises Warendorf, ist eine aktive Netzwerkarbeit und Kooperation mit den unterschiedlichsten Akteuren erforderlich. Das ist zugleich der dritte Baustein des Warendorfer Gesundheitskonzepts.

Zum Netzwerk zählen unter anderem die Träger kommunaler Eingliederungsleistungen nach § 16a SGB II wie etwa die Frauenberatungsstellen mit ihren Angeboten an Informations- und Beratungsgesprächen, Psychotherapien und gruppentherapeutischen Angeboten sowie Selbsthilfegruppen. Weiterer wichtiger Akteur ist der sozialpsychiatrische Dienst des Gesundheitsamts. Er berät und begleitet erwachsene Menschen mit einer psychischen Erkrankung sowie Personen in schwierigen persönlichen Lebenslagen, aktuellen Krisensituationen oder bei einer körperlichen oder geistigen Behinderung.

Eine zentrale Rolle im Netzwerk spielt darüber hinaus das Kreisgesundheitsamt mit seinem Medizinischen Dienst. Zu seinen Aufgaben zählen die Planung, Durchführung und Evaluation gesundheitsförderlicher und präventiver Maßnahmen. Neben der Feststellung der Leistungsfähigkeit durch den Medizinischen Dienst bildet der Austausch und die Abstimmung gesundheitsfördernder und präventiver Maßnahmen mit den Planern des Gesundheitsamtes einen wichtigen Baustein in der regionalen Vernetzung. Die Mitarbeit in regionalen Netzwerken wie die Psychosoziale Arbeitsgemeinschaft, die Frühen Hilfen, die Agentur für Arbeit, aber auch die Arbeitgeber, Bildungsträger, Sportvereine sowie die Träger der freien Wohlfahrtspflege komplettieren das komplexe Netzwerkgeflecht.

Über die vielfältigen Angebote der Netzwerkpartner sind alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jobcenters seit Einführung des Gesundheitskonzepts bes­tens informiert. Mehr noch: Auch die Netzwerkpartner kennen ihrerseits den jeweiligen Koordinator bzw. Ansprechpartner im Jobcenter, sodass inhaltlicher Austausch jederzeit gewährleistet ist. Die Vernetzung des Jobcenters mit anderen Akteuren der Arbeits- und Gesundheitsförderung ist mittlerweile so gut gelungen, dass auch die Teilnehmenden der kommunalen Gesundheitskonferenz wissen, dass das Thema Gesundheit auch im Jobcenter einen hohen Stellenwert hat.

„Wo kann ich einen Job finden? Ich bin doch jetzt wieder so weit.“
 

Noch ist das Gesundheitskonzept des Jobcenters Kreis Warendorf in der Einführungsphase, doch die ersten Rückmeldungen vonseiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind durchweg positiv. „Wir sind nicht der Gesundheitslotse an sich“, stellt Martin Hanewinkel klar, „unsere Kernaufgabe ist und bleibt die Arbeitsmarktintegration. Aber wir wollen den betroffenen Erwerbslosen Angebote machen, die wir teilweise selbst vorhalten, aber auch Angebote, die uns die Infrastruktur vor Ort zur Verfügung stellt.“

Klaus Feldmann wiederum erhofft sich vom Gesundheitskonzept die gleiche positive Wirkung wie damals bei der Joboffensive 50plus: „Eine Aktivierung kann durch Qualifizierung stattfinden, aber auch dadurch, dass man sich mit der eigenen Gesundheit beschäftigt und merkt: Ich bin dem nicht hilflos ausgeliefert, sondern kann aktiv etwas tun, um meine gesundheitliche Situation zu verändern. Wer das erfährt, wird auch in anderer Hinsicht aktiver, wird wieder Herr seiner eigenen Situation. Arbeitslose sind dann deutlich zufriedener, fühlen sich angenommen und entwickeln sich tatsächlich weiter. Wir hatten oft den Fall, dass langzeitarbeitslose Personen nach ihren abgeschlossenen Gesundheitsmaßnahmen angefangen haben sich zu bewerben. Sie haben gesagt: Wo kann ich einen Job finden? Ich bin doch jetzt wieder so weit.“

Ansprechpartner in der G.I.B.

Dr. Frank Nitzsche
Tel.: 02041 767-157
f.nitzsche@gib.nrw.de

Kontakte

Martin Hanewinkel
Jobcenter Kreis Warendorf
Sachgebietsleiter aktivierende Leistungen
Waldenburger Straße 2
48231 Warendorf
Tel.: 02581 53-5700
martin.hanewinkel@kreis-warendorf.de

Klaus Feldmann
Jobcenter Kreis Warendorf
Teamleitung Integrationsleistungen Beckum
Alleestr. 72 – 74
59269 Beckum
Tel.: 02581 53-5716
Klaus.Feldmann@kreis-warendorf.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@arcor.de
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