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(Heft 3/2017)
Statistische Zahlen, regionale Unterschiede und Perspektiven

Alleinerziehende im SGB II

Die mit Abstand höchste SGB II-Hilfequote aller Bedarfsgemeinschaften (BG) weisen die Alleinerziehenden-BG auf. Insgesamt ist knapp ein Achtel (12,3 %) aller Bedarfsgemeinschaften in Nordrhein-Westfalen auf Unterstützungsleistungen nach dem SGB II angewiesen.

Bei Alleinerziehenden liegt die Quote bei knapp 46 %. Wenn zwei und mehr Kinder zu versorgen sind, erreicht sie sogar 60,0 % (vgl. Abb. 1). Denn Alleinerziehende haben oftmals Schwierigkeiten, ein bedarfsdeckendes Einkommen für sich und ihre Kinder zu erwirtschaften, nicht zuletzt da sie sich neben der Erwerbstätigkeit zugleich um die Kindererziehung kümmern müssen.

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Alleinerziehende sind eine bedeutsame Zielgruppe im SGB II. 13 % aller erwerbsfähigen Leistungsberechtigten (ELB) in Nordrhein-Westfalen sind alleinerziehend (Stand Sept. 2016/Statis­tik der Bundesagentur für Arbeit 2017). Überproportional viele Alleinerziehende im SGB II-Leistungsbezug sind erwerbstätig – 32,6 % gegenüber 26,3 % bei nicht alleinerziehenden erwerbsfähigen Leistungsberechtigten (Stand 2015) –, sie kommen oftmals aber nicht aus dem SGB II-Bezug heraus. Denn von den erwerbstätigen Alleinerziehenden ist nur ein sehr kleiner Teil in einem regulären, sozialversicherungspflichtigen Vollzeit-Beschäftigungsverhältnis tätig, nämlich 7,7 %. Ein sehr viel größerer Teil (39,4 %) arbeitet in Teilzeit, 40,2 % sogar ausschließlich in einem geringfügigen Beschäftigungsverhältnis, also in einem Minijob bzw. einem 450-Euro-Job.

Dabei zeigen sich allerdings große Unterschiede zwischen alleinerziehenden Männern und Frauen. Männer sind häufiger in sozialversicherungspflichtiger Vollzeit beschäftigt oder selbstständig tätig. Dafür fällt bei den Männern der Anteil der sozialversicherungspflichtig Teilzeitbeschäftigten deutlich niedriger aus als bei den Frauen. Der Anteil der geringfügig Beschäftigten unterscheidet sich zwischen den Geschlechtern dagegen kaum.


Die absoluten Zahlen werden stark davon beeinflusst, dass es ungleich mehr alleinerziehende Frauen als Männer gibt. Von allen alleinerziehenden erwerbsfähigen Leistungsbeziehenden sind rund 94 % Mütter mit Kindern, nur gut 6 % machen die alleinerziehenden Väter aus.

Richtet man den Blick auf die Integrationen von Alleinerziehenden in den Arbeitsmarkt, so zeigt sich, dass 27.748 alleinerziehende ELB im Zeitraum Januar 2015 bis Dezember 2015 integriert werden konnten (nach § 48 a SGB II). Die Integrationsquote der Alleinerziehenden von 17,9 % bleibt allerdings hinter der Integrationsquote der erwerbsfähigen Leistungsbeziehenden insgesamt (22,2 %) zurück. Das liegt unter anderem daran, dass ein Teil der Alleinerziehenden aufgrund familiärer Verpflichtungen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung steht. Ein weiterer Grund liegt darin, dass viele Alleinerziehende bereits kontinuierlich in Erwerbstätigkeit integriert sind und somit nicht als „neue“ Integration gezählt werden können. Da sie dabei jedoch oftmals kein bedarfsdeckendes Einkommen erwirtschaften, können sie den Leistungsbezug nicht verlassen.

Im Zeitraum Januar 2015 bis Dezember 2015 wurden in Nordrhein-Westfalen 24.583 alleinerziehenden ELB in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse integriert; davon waren 16.923 Alleinerziehende auch kontinuierlich integriert, das heißt: sie waren in den sechs nachfolgenden Monate sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die Quote beträgt für die Alleinerziehenden 68,8 % und liegt damit nahezu 10 Prozentpunkte höher als die Quote kontinuierlicher Integrationen für alle ELB (59,0 %). Allerdings reichen die aufgenommenen und oft auch längerfristig gehaltenen Beschäftigungsverhältnisse der Alleinerziehenden oftmals nicht aus, um den eigenen Bedarf und den der Kinder in der Bedarfsgemeinschaft selbstständig zu decken und damit den Leistungsbezug zu verlassen (Statistik der Bundesagentur für Arbeit 2017).

Wenn erwerbsfähige Leistungsberechtigte drei Monate nach einer Integration nicht mehr im Regelleistungsbezug SGB II sind, wird dies als bedarfsdeckende Integration bezeichnet. Im Zeitraum von Januar 2015 bis Dezember 2015 wurden in NRW 9.106 Alleinerziehende bedarfsdeckend integriert. Die Quote fällt für die Alleinerziehenden mit 32,8 % deutlich niedriger aus als für die erwerbsfähigen Leis­tungsberechtigten insgesamt, bei denen 46,0 % aller Integrationen auch bedarfsdeckend waren (Statistik der Bundesagentur für Arbeit 2017). Ein Grund hierfür liegt in dem oftmals geringen zeitlichen Umfang der durch Alleinerziehende aufgenommenen Beschäftigungen.

Das Land Nordrhein-Westfalen ist von der Herausforderung hilfebedürftiger Alleinerziehender in besonderer Weise betroffen. Mit 45,7 % weist NRW die vierthöchste Hilfequote von Alleinerziehenden unter den Bundesländern auf (vgl. Abb. 2). Betrachtet man die Entwicklung im zeitlichen Verlauf wird deutlich: Die SGB II-Hilfequote von Alleinerziehenden und ebenso die absolute Zahl der Alleinerziehenden-BG in Nordrhein-Westfalen stagnieren seit Jahren auf hohem Niveau. Die Hilfequote ist von 2008 bis 2015 geringfügig von 47,1 % (2008) auf 45,7 % (2015) zurückgegangen. Die absolute Zahl der Alleinerziehenden-BG ist im selben Zeitraum von rund 154.500 auf rund 159.000 Bedarfsgemeinschaften leicht gestiegen.
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Die Situation stellt sich regional allerdings sehr unterschiedlich dar. Es zeigt sich: Wo die SGB II-Quote hoch ist, fällt der Anteil der Alleinerziehenden an allen ELB niedrig aus, dort, wo die SGB II-Quote gering ist, gibt es einen hohen Anteil Alleinerziehender an den ELB im Grundsicherungsbezug. Die Anteilswerte Alleinerziehender in den Jobcentern liegen zwischen 10,4 % in Herne und 17,3 % in Steinfurt (vgl. Abb. 3). Ausschlaggebend hierfür sind die regionalen Arbeitsmarktbedingungen. Sie beeinflussen zugleich auch die Integrationschancen der alleinerziehenden ELB. Die Streuung der Integrationsquoten Alleinerziehender über die Jobcenter ist beträchtlich. Die Werte reichen im Minimum von 13,4 % in Duisburg bis zu maximal 26,6 % im Kreis Höxter.
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Es gibt also auf der einen Seite Regionen mit eher günstigen Arbeitsmarktbedingungen und geringer SGB II-Hilfebedürftigkeit, in denen die Alleinerziehenden einen vergleichsweise großen Anteil aller Leistungsbeziehenden ausmachen und eine quantitativ besonders bedeutsame Zielgruppe für die Jobcenter darstellen. Die Integrationsquoten der Alleinerziehenden sind hier aufgrund der günstigen Arbeitsmarktsituation vergleichsweise hoch. Auf der anderen Seite gibt es Jobcenter mit eher ungünstigen Arbeitsmarktbedingungen und hoher SGB II-Hilfebedürftigkeit in der Bevölkerung, insbesondere die Großstädte des Ruhrgebietes. Die Alleinerziehenden machen hier nur einen vergleichsweise kleinen Anteil der SGB II-Hilfebedürftigen aus, im Vordergrund stehen dort eher die Integrationsschwierigkeiten aufgrund von geringer Bildung und möglicherweise zusätzlichen Vermittlungshemmnissen vor dem Hintergrund einer angespannten Arbeitsmarktsituation. Die Zielgruppe der Alleinerziehenden ist dort im Verhältnis kleiner, die Schwierigkeiten, sie erfolgreich in Beschäftigung zu integrieren, sind aber angesichts der insgesamt ungünstigen Arbeitsmarktsituation deutlich größer.

Insgesamt unternehmen die nordrhein-westfälischen Jobcenter – entsprechend der Größe dieser Zielgruppe – zum Teil leicht überproportionale Anstrengungen, um Alleinerziehende mithilfe arbeitsmarktpolitischer Maßnahmen zu fördern. Tabelle 1 auf Seite 23 zeigt, dass Alleinerziehende von vielen Maßnahmen überdurchschnittlich profitieren. Am häufigsten sind sowohl bei allen Maßnahme-Teilnehmenden als auch bei den alleinerziehenden Personen die Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung. Hier liegt die Förderquote aller arbeitsuchenden ELB bei 4,47 %. Die alleinerziehenden ELB liegen mit einer Quote von 4,54 % leicht darüber. Besonders häufig profitieren Alleinerziehende zudem von Maßnahmen zur Förderung der beruflichen Weiterbildung. Die entsprechende Förderquote fällt mit 3,00 % deutlich höher aus als in der Gruppe der arbeitsuchenden ELB insgesamt (1,94 %). Die kommunalen Eingliederungsleistungen – hierzu gehören unter anderem Angebote zur Kinderbetreuung – kommen den alleinerziehenden ELB ebenfalls überdurchschnittlich häufig zugute: Die Förderquote liegt mit 1,73 % über der Quote für die ELB insgesamt (1,45 %). Eine ausführliche statistische Analyse über „Alleinerziehende im SGB II in Nordrhein-Westfalen“ bietet das kürzlich erschienene gleichnamige Arbeitspapier der G.I.B.

Um an der hohen SGB II-Hilfebedürftigkeit Alleinerziehender etwas zu ändern, bedarf es zusätzlicher Anstrengungen. Im Rahmen des G.I.B.-Lohnhallengesprächs „Arbeitsmarktchancen für Alleinerziehende“ am 31.01.2017 in Bottrop haben Vertreterinnen und Vertreter aus der Praxis Handlungsbedarfe in unterschiedlichen Bereichen benannt:

  • Die Stärkung der öffentlichen Wahrnehmung und der gesellschaftlichen Anerkennung der besonderen Situation Alleinerziehender ist Voraussetzung dafür, dass (soziale) Teilhabe gelingen kann und die Belange Alleinerziehender stärker berücksichtigt werden. Eine wichtige Verbesserung für Alleinerziehende markieren die kürzlich beschlossenen Änderungen beim Unterhaltsvorschuss.
  • Die Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber müssen für die gezieltere Nutzung der Potenziale Alleinerziehender durch eine familienbewusste Personalpolitik (wie vollzeitnahe Teilzeitangebote, Urlaubsplanung in Schulferien u. a.) sensibilisiert werden.
  • Zur Förderung Alleinerziehender sollten die vielfältigen verfügbaren arbeitsmarktpolitischen Instrumente eingesetzt werden. Es braucht ganzheitliche Unterstützungsangebote, die zu Förderketten verknüpft werden.
  • Es muss mehr Transparenz hergestellt werden über die bestehenden Hilfe- und Bildungsangebote, die es für die Zielgruppe der Alleinerziehenden jeweils vor Ort schon gibt.
  • Einen besonderen Unterstützungsbedarf weisen Alleinerziehende bei Kinderbetreuungsangeboten auf. Um alleinerziehenden Müttern und Vätern die Möglichkeit zu geben, bedarfsdeckendes Einkommen zu erwirtschaften, sind gesicherte, bezahlbare und flexible Betreuungsangebote unerlässlich.


Dabei bedarf es nicht nur des Engagements der Jobcenter, sondern auch der Anstrengungen der Kommunen, der Träger der Jugendhilfe, von Unternehmen, Arbeitsagenturen und weiterer Akteure auf der regionalen und der überregionalen Ebene.
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Es gibt hierfür bereits eine Reihe guter Praxis-Beispiele, die unter anderem beim Lohnhallengespräch der G.I.B „Arbeitsmarktchancen für Alleinerziehende“ 2017 vorgestellt wurden. Zum Beispiel folgende vier Projekte, die sich in inhaltlicher Ausrichtung und Finanzierung unterscheiden:

  • Das „Quali Café Eins Plus“, ein quartiersbezogenes Projekt im Rahmen von „Starke Quartiere – starke Menschen“ (SQSM). Dieses Projekt richtet sich an alleinerziehende Frauen im Stadtteil Königsborn Süd-Ost der Stadt Unna. Im Fokus steht die Vereinbarkeit von Erziehungsaufgaben und beruflicher Entwicklung. Dabei werden die Frauen bei der beruflichen Planung und Qualifizierung ebenso unterstützt wie bei der Aufnahme sozialer Kontakte durch die Möglichkeit, sich untereinander auszutauschen. Die Kinderbetreuung wird währenddessen durch einen Träger gewährleistet. Das Projekt wird vom IN VIA e. V. in Zusammenarbeit mit der Stadt Unna umgesetzt und durch Mittel des Europäischen Sozialfonds (ESF) und des Landes Nordrhein-Westfalen finanziert.
  • Das Modellprojekt „Sonne, Mond und Sterne – ergänzende Kinderbetreuung“ Das Modellprojekt bietet Unterstützung für berufstätige Alleinerziehende durch bedarfsgerechte und flexible Betreuung als Ergänzung zu bestehenden Betreuungsangeboten. Zum Programm gehören auch Beratung und Coaching der Eltern, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf aufrechtzuerhalten. Das Projekt wird derzeit neben Berlin und Mainz auch in Essen durch den Verband allein erziehender Mütter und Väter Landesverband Nordrhein-Westfalen e. V. (VAMV NRW) umgesetzt. Gefördert wird es über die Walter-Blüchert-Stiftung, ergänzt durch die gemeinnützige Stiftung für kompetente Elternschaft und Mediation.
  • Die NRW-Landesinitiative „Netzwerk W – Wiedereinstieg“. Diese Initiative hat es sich zum Ziel gesetzt, Alleinerziehende bei dem Wiedereinstieg in den Beruf zu unterstützen. Die Gleichstellungsstelle der Stadt Herne setzt in diesem Rahmen darauf, Alleinerziehende umfassend zu informieren und ganzheitlich zu beraten. Daneben steht aber auch die Sensibilisierung potenzieller Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber im Fokus. In Kooperation mit dem Netzwerk W in Bochum werden Veranstaltungen durchgeführt, bei denen Alleinerziehende und Unternehmen zusammengebracht werden.
  • Das Projekt „Arbeiten an den Bedientheken des Lebensmitteleinzelhandels – eine Initiative zur Deckung des Fachkräftebedarfs“. Das Projekt wird durch den ESF und das Land NRW finanziert. Hinzu kommen Mittel der Agenturen für Arbeit und der Jobcenter in Dortmund, im Kreis Unna und in Hamm sowie Eigenmittel des Handelsverbands NRW Westfalen-Münsterland. Kooperationspartnerin des Trägers ist die Soziale Innovation GmbH. Ziel des Projektes ist es einerseits, insbesondere arbeitsuchende Frauen für eine dauerhafte sozialversicherungspflichtige Beschäftigung im Lebensmitteleinzelhandel zu qualifizieren, andererseits die Rahmenbedingungen in den Betrieben so zu entwickeln, dass sie mit familiären Verpflichtungen zu vereinbaren sind. Dadurch soll das Fachkräftepotenzial von unzureichend qualifizierten Frauen mit Familienverantwortung herangezogen werden. Die Förderung verknüpft damit die Qualifizierung und Vermittlung arbeitsuchender Personen mit der Entwicklung von familienfreundlichen Arbeitsbedingungen und Arbeitszeitmodellen in den beteiligten Betrieben.


Die hier skizzierten Projekte stehen beispielhaft für weitere Maßnahmen, die Alleinerziehende bei der beruflichen und persönlichen Lebensgestaltung unterstützen können. Einige weitere Beispiele sind auf der Internetseite der G.I.B. dokumentiert (http://www.gib.nrw.de/themen/wege-der-arbeit/beruf-und-familie/daten-und-berichte). Solche Angebote stellen bisher dennoch eher die Ausnahme dar, sie werden allerdings als „Regelangebote“ und in einem quantitativ größeren Umfang benötigt, wenn die SGB II-Hilfebedürftigkeit von Alleinerziehenden entscheidend vermindert werden soll.

Autoren

Jan Amonn
Tel.: 02041 767-162
j.amonn@gib.nrw.de

Pauline Blumental
Tel.: 02041 767-807
p.blumental@gib.nrw.de
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