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(Heft 3/2017)
Kommunale Koordinierung im Kreis Olpe wirbt für duale Berufsausbildung

Digitale Schnitzeljagd auf der Berufsmesse

Ende Mai 2017 auf der Berufsmesse in Olpe: Schülerinnen und Schüler, oft zu zweit oder in kleineren Gruppen, und auch Eltern mit ihren 14-, 15-jährigen Kindern streifen durch die Stadthalle und die beiden Ausstellungszelte auf der Außenfläche. Immer wieder geht der Blick zum Smartphone. Sie lassen sich von „BIPARCOURS“ durch die Berufsmesse leiten, einer App, die sie am Eingang per QR-Code kostenlos heruntergeladen haben. Diese App führt die Messebesucherinnen und -besucher zu den verschiedenen Berufsfeldern und in Ausstellungsbereiche, die sie sonst vielleicht übersehen hätten. Anreiz dazu ist ein Gewinnspiel. Wer die über die App gestellten Fragen zu den verschiedenen Ausstellern richtig beantwortet, dem winkt als Hauptpreis ein Bluetooth-Lautsprecher.

Der kleine Trick mit dem Gewinnspiel zog. Alle Aussteller, auch die in den im vergangenen Jahr nicht so gut besuchten Zelten auf der Außenfläche, waren mit den Besucherzahlen sehr zufrieden. BIPARCOURS ist im Prinzip eine Themen-Rallye oder auch mit einer digitalen „Schnitzeljagd“ zu vergleichen. Die gestellten Aufgaben lassen sich nur lösen, wenn man die verschiedenen Standorte auch tatsächlich ansteuert. Gleichzeitig wird mithilfe der App die Hemmschwelle herabgesetzt, sich bei den Ausstellern direkt über Möglichkeiten der dualen Berufsausbildung zu informieren. Die App bietet somit die Möglichkeit, die Berufsmesse zu entdecken, Lehrreiches über Ausbildungsberufe und die Unternehmen der Region zu lernen, und leistet somit spielerisch einen Beitrag im Sinne der eigenen Berufsorientierung.

Die Kommunale Koordinierungsstelle (KoKo) für den Kreis Olpe war Ende vergangenen Jahres auf die vom Schulminis­terium NRW und den beiden Landschaftsverbänden entwickelte App aufmerksam geworden. Die Möglichkeit, mithilfe einer App die regionale Berufsmesse noch interessanter zu gestalten, kam ihr sofort in den Sinn. Sie skizzierte die Idee in einem Kurzkonzept und stellte dieses anschaulich im Rahmen einer Sitzung den Partnern der Akteursgemeinschaft der Kommunalen Koordinierung vor.

Die Idee überzeugte. Alle Partner sahen in der App die Möglichkeit, die Attraktivität der Berufsmesse zu steigern und die Jugendlichen anzuregen, sich im Rahmen der Messe konkret mit den dort vorgestellten Möglichkeiten auseinanderzusetzen. Gemeinsam mit den Partnern und den Ausstellern wurde „BIPACOURS“ somit bei der diesjährigen Berufsmesse eingesetzt.

Kommunale Koordinierung startete spät
 

Die Zusammenarbeit der im Rahmen der Kommunalen Koordinierungsstelle agierenden Akteure gestaltete sich von Beginn an unkompliziert. Dabei ist man mit der Kommunalen Koordinierung im Kreis Olpe erst im Januar 2015 gestartet, wie Susanne Spornhauer berichtet. Sie ist Leiterin des Regionalen Bildungsnetzwerks Kreis Olpe, zu dem das Kommunale Integrationszentrum, das Regionale Bildungsbüro und auch die Kommunale Koordinierungsstelle gehören. „Wir sind als einer der letzten Kreise in das Landesvorhaben eingestiegen, weil wir uns intensiv überlegt haben, wie wir die guten Strukturen im Bereich Übergang Schule – Beruf, insbesondere bei den Hauptschulen, in das KAoA-System überführen konnten.“

Im Rahmen des Regionalen Bildungsnetzwerks, als Stabsstelle direkt dem Landrat und Kreisdirektor unterstellt, existierte bereits ein Lenkungskreis, in dem Vertreter der sieben Städte und Gemeinden im Kreis, der Kreisdirektor, die Obere und Untere Schulaufsicht, Schulleitungen, das Kommunale Integrationszentrum und das Bildungsbüro zusammenarbeiteten. Dieses Gremium wurde um die Kommunale Koordinierung erweitert.

Als Zwischenebene richtete man gemeinsam mit der Agentur für Arbeit und der Unteren Schulaufsicht eine Arbeitsgruppe „Operative Steuerung“ ein. Alle sechs Wochen trifft sich diese Arbeitsgruppe. Sie sichert die Verzahnung zum Beirat Schule – Beruf und zum regionalen Ausbildungskonsens.

Starke Wirtschaftsregion
 

Der Kreis Olpe ist – was kaum jemand weiß – eine sehr starke Industrieregion. Die Industrie ist der größte Arbeitgeber und stellt auch einen großen Teil der Ausbildungsplätze bereit. Es werden fast so viele gewerblich-technische Ausbildungsverträge geschlossen wie kaufmännische. Die Industrieunternehmen, unter ihnen einige Weltmarktführer, gelten als sehr innovativ. Zu nennen sind hier vor allem Automobil-Zulieferer, aber auch Armaturen-Hersteller. In der Mehrzahl, so Martin Haselier vom Arbeitgeberverband für den Kreis Olpe, handelt es sich um mittelständische Betriebe, meistens familiengeführt. Die Metallindustrie spüre auf der einen Seite einen Fachkräftemangel, sie bilde aber auch über Bedarf aus. Das liege auch daran, dass es nach wie vor schwerfalle, ausgebildete Fachkräfte in die wenig bekannte Industrie-Region zu locken. Umso wichtiger ist es also, Jugendliche nach dem Schulabschluss für eine betriebliche Ausbildung im dualen System zu gewinnen und ihnen die vielfältigen Chancen aufzuzeigen, die die exzellenten Weiterbildungsmöglichkeiten bieten.

Laut der Statistik des Jahres 2015/16 verzeichnete man in der Region 1,25 Ausbildungsplätze pro Bewerber. Besonders im Lebensmittelhandwerk, wie im Lebensmittelverkauf kämpft man aber zunehmend mit Besetzungsschwierigkeiten. Auch im Metallbau, bei der Schweiß-, der Automatisierungs-, Feinwerk- und Werkzeugtechnik, im Tief- und Hochbau, in der Gastronomie, im Bereich Sanitär/Heizung sowie bei den Berufskraftfahrern macht Lukas Kroll von der Kommunalen Koordinierungsstelle Schwierigkeiten aus. Das sei der Anlass gewesen, über verschiedene Gremien wie den Beirat Schule – Beruf sowie über die Arbeitsgruppe „Operative Steuerung“ die Attraktivitätssteigerung der dualen Ausbildung in den Fokus zu nehmen.

„Wir wurden von Anfang an eingebunden und haben die Zusammenarbeit als sehr angenehm empfunden“, sagt Jürgen Dax, der bei der Außenstelle Kreis Olpe der Industrie- und Handelskammer Siegen schwerpunktmäßig für die Ausbildungsberatung im kaufmännischen Bereich zuständig ist. Die Kammern und Betriebe seien stets gefragt worden, wie man aus ihrer Sicht das Vorgehen optimieren könnte. Wichtig sei den Kammern, dass alle mit Ausbildung befassten Akteure, dazu gehöre auch die Agentur für Arbeit, an einem Strang zögen. „Wir versuchen hier, ideologische Scheuklappen abzulegen. Meine Erfahrung ist aber: Gerade was Fragen der Ausbildung angeht, unterscheiden sich die Ansichten von Arbeitgebervertretern und Arbeitnehmervertretern fast gar nicht mehr.“

Das bestätigen andere Partner in der Kommunalen Koordinierung des Kreises Olpe ebenso. Dirk Rullich von der IG Metall Olpe sieht die Aufgabe der Gewerkschaften darin, auch die Arbeitnehmervertretungen in den Betrieben für das Thema KAoA zu sensibilisieren und so den innerbetrieblichen Dialog über das Landesvorhaben anzuregen. Matthias Rink, als Leiter der Geschäftsstelle Olpe der Kreishandwerkerschaft Westfalen-Süd zuständig für über 1.500 Mitgliedsbetriebe, sagt: „Wir haben den Eindruck, dass unsere Stimme gehört wird und wir die spezifischen handwerkspolitischen Aspekte gut einbringen können.“

„Es geht ums Netzwerken“, sagt Martin Haselier. „Es gilt, die Verbindungen der Beteiligten für die Koordinierungsstelle nutzbar zu machen.“ Und das finde auch vonseiten des Arbeitgeberverbandes mit seinen 90 Mitgliedsunternehmen mit insgesamt ca. 15.000 Beschäftigten statt.

Zwar stehen beim Handwerk in der Region die Themen Mangel an Ausbildungsbewerberinnen und -bewerbern und Mangel an Fachkräften ganz oben auf der Themenliste. Die Zahl der Ausbildungsverhältnisse im Handwerk im Kreis Olpe sei aber insgesamt konstant geblieben, so Matthias Rink. Sie liege im Mittel bei rund 900. Das zeige, dass die Initiativen und Aktionen, die das Handwerk in den letzten Jahren gestartet habe, durchaus Erfolg hätten. Grundsätzlich sei man also mit den Zahlen gar nicht so unzufrieden. Allerdings müsse man sehr genau differenzieren. Konstante Zahlen meldeten vor allem der Kfz-, SHK- und Elektro-Bereich, Probleme meldeten dagegen vor allem der Lebensmittel und der Baubereich. „Wir möchten in die Köpfe bekommen, dass das Handwerk nach wie vor attraktive Berufe zu bieten hat und seinen Mann – oder seine Frau – ernährt, heute wie in der Vergangenheit“, sagt Matthias Rink.

Duale Ausbildung verliert an Boden
 

Bis jetzt steigt aber die Zahl der Schülerinnen und Schüler, die nach der Schule ein Studium aufnehmen wollen – zulasten der Einstiege in duale Ausbildung. Nach Einschätzung von Susanne Spornhauer liegt das zugleich daran, dass sich die Einstellung der Eltern zur dualen Ausbildung gewandelt hat. Sie drängen heute darauf, dass ihre Kinder den höchstmöglichen Bildungsabschluss erreichen. Dabei habe das duale Ausbildungssystem eigentlich einen guten Ruf, nicht nur im Ausland, ebenso bei der Elterngeneration. Dass der Trend dennoch zum Studium gehe, daran sei auch die Politik nicht ganz schuldlos, stellt Jürgen Dax fest. Es sei lange Zeit suggeriert worden, dass das Heil vor allem in der akademischen Ausbildung liege. Heute gelte es aber Abiturienten zu vermitteln, dass es in der dualen Ausbildung sehr gute Alternativen zu einem Studium gibt.

Dass der Wunsch nach einem Studium mit der Entscheidung für eine duale Ausbildung nicht aufgehoben ist, macht Martin Haselier deutlich. Die Unternehmen seien an der Weiterbildung dieser Kräfte interessiert, sei es im technischen Bereich, sei es durch ein duales Studium, bei dem der Studierende die Verbindung zum Unternehmen behält. „Der, der zunächst eine Ausbildung bei dem Unternehmen gemacht hat, hat einen ganz klaren Vorteil gegenüber Bewerbenden, die ohne vorherige Ausbildung frisch von der Uni kommen. Die müssen sich erst längere Zeit einarbeiten, während der ehemalige Auszubildende nach dem anschließenden Studium schon genau weiß, wie das Unternehmen tickt.“

Die Kommunale Koordinierung hat im Kontext von KAoA ein Vorhaben auf den Weg gebracht, Gymnasiasten durch frühzeitige Beratung für eine duale Ausbildung zu gewinnen. Dazu gibt es im Kreis Olpe die Arbeitsgruppe Berufs- und Studienorientierung in der Sekundarstufe II. Arbeitsagentur, Schulaufsicht, Vertreterinnen und Vertreter der Schulen, der Verwaltung und der drei Hochschulen erarbeiten ein Angebot von Orientierungsmaßnahmen für die entsprechenden Schülerinnen und Schüler. „Wir möchten den Blick weiten auf die duale Ausbildung“, sagt Lukas Kroll. Geplant sind mehrere Modelle, wie man in der gymnasialen Oberstufe eine allgemeine Berufsorientierung einplanen kann. Diese können dann den Schulen und den Lehrkräften empfohlen werden. Die Umsetzung ist für die nächsten Schuljahre vorgesehen.

Berufsfelderkundung für alle Schulformen
 

Als Standardelement im Rahmen von KAoA stellen Berufsfelderkundungen einen weiteren Ansatz dar, um die Möglichkeiten der dualen Berufsausbildung aufzuzeigen.

Im Kreis Olpe gehen die Berufsfelderkundungen in den achten Klassen in diesem Jahr in die zweite Runde. „Wir konnten in diesem Jahr dank der guten Zusammenarbeit der Partner in der Kommunalen Koordination weitere Betriebe akquirieren“, sagt Lukas Kroll. Eine durch die Kommunale Koordinierungsstelle gegründete Projektgruppe hat sich intensiv darum gekümmert, Akquisematerial zur Gewinnung von Unternehmen zu erstellen. Es wurde ein Formular entworfen, mit dem die teilnehmenden Betriebe den Schulen Genaueres zu den von ihnen zur Verfügung gestellten Plätzen mitteilen können. Welche Ausbildungsberufe werden angeboten? Welche Termine stehen zur Verfügung? Wie viele Schülerinnen und Schüler können kommen? Wird Arbeitskleidung benötigt? Auf einem Berufsfelderkundungskalender können Unternehmen sehen, welche Schulen wann ihre Berufsfelderkundungen durchführen. All diese Daten pflegt die Kommunale Koordinierungsstelle in eine Excel-Datei ein. Verschiedene Filter- und Verlinkungsfunktionen ermöglichen es dem User, sich bestimmte Berufsfelder, bestimmte Zeiträume, den Standort des Unternehmens und sogar den Weg dorthin mittels Routenplaner anzeigen zu lassen. Über eine Verlinkung zur BERUFENET-Seite der Agentur für Arbeit lassen sich außerdem direkt die Informationen zu den verschiedenen Ausbildungsberufen abrufen.

118 Unternehmen finden sich zurzeit auf der fortlaufend aktualisierten Liste. 3.350 Plätze für Schülerinnen und Schüler werden angeboten, Tendenz steigend. Das entspricht zwar nicht ganz den ca. 4.500 Plätzen, die man rechnerisch bei drei Berufserkundungstagen pro Achtklässler benötigt. Trotzdem, so Lukas Kroll, seien alle Jugendlichen versorgt, „weil durch eigene Kontakte der Schulen zu Betrieben und auch über Kontakte der Eltern weitere Plätze zur Verfügung stehen. Insgesamt ist die Berufsfelderkundung mit dem zweiten Jahr KAoA im Kreis Olpe in der Fläche etabliert.“

Die KIRCHHOFF Automotive GmbH mit ihren Betriebsstandorten Iserlohn und Attendorn ist eines der Unternehmen im Kreis Olpe, das Berufsfelderkundungen anbietet. Das Unternehmen ist Entwicklungspartner der Automobilindustrie. Als Komplettanbieter für komplexe Metall- und Hybridstrukturen für Rohkarosserie und Fahrwerk sowie Crashmanagementsysteme und Armaturentafelträger ist das Unternehmen weltweit präsent und produziert mit rund 9.000 Mitarbeitern in 30 Werken in 11 Ländern. Michael Isphording ist einer der Ansprechpartner für die Berufsorientierung: „Wenn eine Gruppe von Schülern für einen Tag in ein Unternehmen kommt, ist es wichtig, dass die Berufsfelderkundung vernünftig geplant ist“, sagt er. Die Jugendlichen müssten erfassen können, was sich hinter den Berufsbezeichnungen verbirgt, welche Tätigkeiten anfallen, welche Anlagen genutzt, welche Materialien verwendet werden. Bei KIRCHHOFF Automotive GmbH bekommen die Schülerinnen und Schüler vor dem Rundgang durchs Unternehmen einen Fragebogen zu den verschiedenen angesteuerten Stationen im Unternehmen. Beim Ausfüllen lernen sie nicht nur etwas über die Berufe und den Betrieb, das Unternehmen kann auch überprüfen, ob die Infos, die an einem solchen Tag massiv auf die Jugendlichen einströmen, tatsächlich ankommen.

Die Olper Berufsmesse – ein „cooler“ Ort, um etwas über Berufe zu erfahren
 

Für die KIRCHHOFF Automotive GmbH ist es, wie für viele andere Unternehmen der Region, selbstverständlich, an der Berufsmesse in Olpe teilzunehmen. Die Unternehmen zeigen hier nicht nur ihr Engagement in der Berufsorientierung, sie nutzen darüber hinaus die Gelegenheit, sich mit den eigenen Ausbildungsmöglichkeiten als attraktive Arbeitgeber zu präsentieren. Die Messe hat für die Unternehmen im Kreis Olpe traditionell eine große Bedeutung zur Knüpfung von ersten Kontakten zu Schülerinnen und Schülern. Sie findet schon seit 1998 statt, anfangs im Zwei-Jahres-Rhythmus, seit langer Zeit aber bereits jährlich. Sie ist eine gemeinsame Veranstaltung der Partner, die in der Kommunalen Koordinierung zusammenarbeiten, und der Unternehmen. Die Nachfrage unter ihnen ist groß. Der Platz in der Olper Stadthalle und der durch zwei aufgebaute Großzelte zusätzlich geschaffene Raum reichte auf der 17ten Berufsmesse Ende Mai 2017 nicht für alle Interessenten. Mittlerweile stehen „30, 40 Unternehmen“, so Jürgen Dax, auf einer Warteliste. Einige Firmen der Branche Automobilzulieferer, darunter die KIRCHHOFF Automotive GmbH, haben sich zu einem Verbund zusammengefunden und präsentieren sich auf der Berufsmesse an einem Gemeinschaftsstand.

Die Berufsmesse hat sich kontinuierlich entwickelt. „Am Anfang wurden die Schüler von den Schulen in Bussen auf die Messe gefahren und durch die Halle geschleust. Wir mussten feststellen, dass gerade die Jüngeren noch kein größeres Interesse zeigten“, sagt Michael Isphording. Die Messe fand damals vormittags statt. Das bedeutete für die Jugendlichen vor allem eins: „schulfrei.“ Daraus zogen die Verantwortlichen die Lehre. Das Konzept wurde umgestellt, die Berufsmesse auf den Nachmittag verlegt. Der Effekt war der gewünschte: Die Aussteller konnten nun die tatsächlich Interessierten informieren: Schülerinnen, Schüler und Eltern, die noch immer eine starke Rolle bei der Berufswahl der Kinder spielen, sei es als Berater, sei es als Vorbilder.

Immer wichtiger: digitale Medien
 

Die Ansprüche an die Messe haben sich verändert. Jugendgerechte, attraktive Zugänge – auch mithilfe des Einsatzes digitaler Medien, nicht nur die App BIPARCOURS, – spielen heute verstärkt eine Rolle. So können Schülerinnen und Schüler mit ihrem Smartphone parallel zu den Infos an den Ständen über QR-Codes die Homepages der Messe oder des Verbundes aufrufen, auf denen sich Infos zu den vorgestellten Ausbildungsberufen finden. KIRCHHOFF Automotive weiß um diese Entwicklung und präsentierte sich auf der Messe zudem mithilfe von Virtual Reality. Wer am Messestand die VR-Brille aufsetzte, konnte virtuell schon einmal mitten in der KIRCHHOFF Automotive Fertigungsanlage stehen und sich anschauen, wie sich die Situation am potenziellen Ausbildungsplatz darstellt, „etwas, was sich nur durch Bilder nicht so gut vermitteln lässt“, so Michael Isphording. Dazu kamen am Messestand Tablets zum Einsatz, mit denen man zum Beispiel die Produkte der Autozulieferer in 3D betrachten konnte oder die Produktionsverfahren, zum Beispiel Lasertechnik.

Die eigene Fachkräftesicherung ist dabei ein wesentliches Motiv. Vor allem Ausbildungsplätze zum Industriemechaniker, Werkzeugmechaniker, Industrieelektriker, Mechatroniker, Zerspanungsmechaniker und auch zu kaufmännischen Berufen bietet die Branche. „Immer mehr interessieren sich für ein duales Studium. Betriebswirtschaft, Maschinenbau, das Wirtschaftsingenieurswesen stehen hier im Vordergrund“, zieht Michael Isphording ein Bilanz der Beratungsgespräche am Messestand. Das sei ferner als Trend der letzten Jahre zu beobachten. Wobei Michael Isphording die Interessenten nicht selten zu überzeugen versucht, dass der Weg über die duale Ausbildung der bessere ist. „Jemand der schon selbst an der Presse gearbeitet hat, sich in der Schweißerei auskennt usw., der kann als Ingenieur ganz anders eingesetzt werden, zum Beispiel auch im Ausland, als jemand der frisch von der Uni kommt.“
Dem kann Holger Grafe, Personalleiter der Gustav Hensel GmbH & Co. KG, Marktführer im Bereich Elektroinstallations- und Verteilungssysteme mit Hauptsitz in Lennestadt-Altenhundem, nur zustimmen. Er macht deutlich, welche große Bedeutung die eigene Ausbildung für sein Unternehmen hat. „Das Thema Ausbildung ist absolut gesetzt und die Berufsmesse dazu der wichtigste Termin im Jahr.“ Als einen großen Vorteil des Standortes in Lennestadt nennt Holger Grafe vier Schulen, zwei Gymnasien, eine Sekundarschule und eine Realschule, alle nicht weiter als 500 Meter vom Unternehmenssitz entfernt, die allesamt mit dem Unternehmen zusammenarbeiten.

Der Zuspruch der Zielgruppe zur Berufsmesse im Kreis Olpe kann sich sehen lassen. Rund 2.600 Besucherinnen und Besucher zählten die Verantwortlichen an den zwei Tagen im vergangenen Mai.

Miriam Behlau (39) besuchte gemeinsam mit ihrem Sohn Marten (15) die Berufsmesse. Der Realschüler hat schon ein Praktikum ebenfalls in der Autozulieferindustrie gemacht, die Berufsfelderkundung führte ihn unter anderem zur Polizei. Er glaubt aber, dass sein Weg in Richtung einer Ausbildung als Mechatroniker gehen wird. Seine Mutter sieht ihre Aufgabe darin, den Sohn in der Entscheidungsphase 8./9. Klasse auf die richtige Spur zu bringen. „Es ist gar nicht so einfach, da ein Fingerspitzengefühl zu entwickeln, auch zu erkunden, was die Kinder wollen. Denn die sind in dieser Phase mitten in der Pubertät und haben auch andere Dinge im Kopf, als einen Beruf auszuwählen.“ Miriam Behlau gehört nicht zu den Eltern, die ihr Kind nach der Schule am liebsten an der Universität sehen würde. Leider werde aber von vielen Ausbildungsbetrieben schon Fachabitur oder Abitur vorausgesetzt. Die Auswahl sei gegenüber der Zeit, als sie sich als Realschülerin für einen Berufsweg entscheiden musste, kleiner geworden.

Aber in letzter Zeit sei da ein Umdenken zu beobachten, sagt Martin Haselier. Das liege nicht zuletzt daran, dass die Berufsorientierung das Risiko für die Unternehmen minimiere. Denn die Haupt- und Realschülerinnen und -schüler sind den Unternehmen durch die vorgeschalteten Praktika im Rahmen der Berufsorientierung oft schon gut bekannt, bevor sie einen Ausbildungsvertrag unterschreiben. Die guten Kooperationen mit Schulen haben also einen direkten vertrauensbildenden Effekt.

Die gemeinsame harmonische Arbeit der Akteursgemeinschaft der Kommunalen Koordinierung im Kreis Olpe zahlt sich auch hier aus. Dass ein zentrales Thema der Zusammenarbeit das KAoA-Handlungsfeld 3, die Attraktivitätssteigerung der dualen Ausbildung sein muss, haben die Akteure nicht nur erkannt, sie setzen es auch mit konkreten Maßnahmen um. Besonders das Handwerk und die Industrie im Kreis Olpe bieten zahlreiche Plätze zur Berufsfelderkundung und für Praktika für Schülerinnen und Schüler an und präsentieren sich innovativ auf der jährlichen Berufsmesse. Die hat sich durch das Zutun aller Akteure ständig weiterentwickelt. So gestaltet sich etwa durch den zunehmenden Einsatz digitaler Medien der Zugang zum Thema für die Jugendlichen immer attraktiver. Die Kommunale Koordinierungsstelle und ihre Partner verbinden über die Berufsmesse hinaus geschickt die Berufs- und Studienorientierung (KAoA-Handlungsfeld 1) und die Attraktivitätssteigerung der dualen Ausbildung (KAoA-Handlungsfeld 3) zu einer Einheit – mit vielen Synergie-Effekten und Vorteilen für alle Seiten. Fazit: Nachahmenswert!

Kontakte

Jürgen Dax
juergen.dax@siegen.ihk.de
Industrie- und Handelskammer Siegen
Außenstelle Kreis Olpe

Matthias Rink
rink@kh-olpe.de
Geschäftsstelle Olpe der
Kreishandwerkerschaft Westfalen-Süd

Martin Haselier
haselier@agv-olpe.de
Arbeitgeberverband für den
Kreis Olpe e. V.

Dirk Rullich
dirk.rullich@igmetall.de
IG Metall Olpe

Susanne Spornhauer
s.spornhauer@kreis-olpe.de
Regionales Bildungsnetzwerk Kreis Olpe

Lukas Kroll
l.kroll@kreis-olpe.de
Kommunale Koordinierung Kreis Olpe

Holger Grafe
holger.grafe@hensel-electric.de
Gustav Hensel GmbH & Co. KG, Lennestadt

Michael Isphording
michael.isphording@kirchhoff-automotive.com
KIRCHHOFF Automotive Deutschland GmbH, Attendorn

Ansprechpartnerin in der G.I.B.

Dörthe Koch
Tel.: 02041 767-114
d.koch@gib.nrw.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de
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