Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2017 Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit „Tag der Perspektive“ in Duisburg
(Heft 4/2017)
Innovatives Veranstaltungsformat für Jugendliche

„Tag der Perspektive“ in Duisburg

Die Kommunale Koordinierungsstelle „Übergang Schule – Beruf in NRW“ beim Amt für Schulische Bildung der Stadt Duisburg organisierte am 28. Juni den „Tag der Perspektive“ im Ausbildungszentrum der thyssenkrupp Steel Europe AG. Das NRW-weit einzigartige, innovative Format bot mit seiner klaren Ausrichtung auf die duale Berufsausbildung Hunderten von Jugendlichen die Möglichkeit einer individuellen, konkreten Anschlussperspektive. Nutznießer der Veranstaltung waren auch die beteiligten Unternehmen: Gleich mehrere von ihnen konnten so ihre freien Ausbildungsplätze besetzen.

Eigentlich fand der „Tag der Perspektive“ in Duisburg zweimal statt: Einmal real am 28. Juni 2017 und einmal bereits während der Vorbereitungsphase in den Köpfen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kommunalen Koordinierungsstelle (KoKo). So exakt hatten Ingrid Bürgers, Andreas Berger und Axel Roghmanns Inhalt und Ablauf des Tages vorausgedacht, dass am Ende der Veranstaltung – genau wie geplant – ausnahmslos alle teilnehmenden Schülerinnen und Schüler wussten, welchen nächsten Schritt sie auf dem Weg in ihre berufliche Zukunft gehen müssen. Eine strategische und organisatorische Meisterleistung, die von der Idee bis zur Realisierung allerdings mehrere Monate in Anspruch nahm. Doch der Aufwand hat sich gelohnt: Mehrere hundert Duisburger Jugendliche haben davon profitiert – und die beteiligten Unternehmen.

Klare Ausrichtung
 

Am Anfang der Erfolgsgeschichte stand die gründliche Analyse. Ein genauer Blick in die jährlich erstellte Übergangsstatistik – längst nicht alle Gebietskörperschaften verfügen über so exakte Zahlen wie Duisburg – zeigte: Mit rund elf Prozent gibt es eine erhebliche Zahl von Schülerinnen und Schülern, die ihre Schule ohne direkte Perspektive verlassen. Das heißt: Rund 500 Schülerinnen und Schüler wissen nicht, wie es nach der Schule beruflich weitergeht. Sachgebietsleiterin Ingrid Bürgers: „Bislang entschwanden diese Jugendlichen ins Irgendwo. Keiner wusste, was aus ihnen geworden ist. Gleichzeitig gibt es rund 1.000 unbesetzte Ausbildungsstellen in unserer Stadt – 35 Prozent mehr als noch vor einem Jahr.“

Daraus zog die KoKo klare Konsequenzen. Ingrid Bürgers: „Wir wollten den Jugendlichen nicht noch mal eine Informationsveranstaltung zumuten, denn davon gab es bereits genug, und wir wollten ihnen auch nicht nur die Angebote der Berufskollegs für unversorgte Jugendliche vorsetzen, weil sie so wieder in die Warteschleife gelangen. Vielmehr wollten wir ihnen konkrete Angebote liefern, bei denen die duale Ausbildung im Vordergrund steht, und wir wollten den ein oder anderen Jugendlichen, der sich schon für ein Berufskolleg entschieden hatte, dazu ermuntern, vielleicht doch direkt eine Ausbildung anzutreten, weil man auch über sie den nächsthöheren Schulabschluss erwerben kann. Kurzum: Wir wollten Jugendliche und Unternehmen in einer Veranstaltung zusammenbringen.“

Kaum war der Plan in seinen Grundzügen entwickelt, stellte ihn die KoKo der Akteursgemeinschaft der Kommunalen Koordinierung vor. In der Steuerungsgruppe sind Gewerkschaften ebenso vertreten wie etwa die Kammern, Arbeitgeberverbände, Berufskollegs, Arbeitsagentur, Schulaufsicht, Jugendamt und die Regionalagentur. Trotz guter Argumente – die anfängliche Resonanz war zunächst vorsichtig. Ingrid Bürgers: „Manche, wie die IHK, sagten sofort: Gute Idee, da machen wir mit! Andere Akteure waren eher zögerlich, verwiesen auf eigene Veranstaltungen in diesem Handlungsfeld.“ Schon bald aber erkannten auch sie die besondere Qualität des neuen Formats mit seiner klaren Ausrichtung auf die duale Berufsausbildung. Das versprach Vorteile für die Jugendlichen wie auch für die Unternehmen: „Manche haben dann sogar eigene geplante Veranstaltungen abgesagt und sich beteiligt. Zum Glück, denn ohne die kompetente Unterstützung unserer Netzwerkpartner in einer eigens eingerichteten und von uns moderierten Arbeitsgruppe hätten wir das komplexe Vorhaben nicht realisieren können.“

Innovatives Format
 

Und so sah – in Grundzügen – der Plan aus, der sich im weiteren Verlauf als Geniestreich im Übergangssystem erweisen sollte: Der Fokus auf die duale Berufsausbildung erforderte – logisch – eine enge Zusammenarbeit mit Unternehmen. „Wir wollten aber nur Betriebe beteiligen“, erläutert Andreas Berger das ambitionierte Vorgehen, „die noch in diesem Jahr einen Ausbildungsplatz anbieten. Sie sollten hier junge Menschen kennen lernen, mit denen sie ihre offenen Ausbildungsplätze besetzen können. Es sollte also ein Tag der Perspektive für die Jugendlichen werden und zugleich ein Tag der Perspektive für die Unternehmen.“

Unternehmen mit unbesetzten Ausbildungsplätzen gibt es in Duisburg, wie eingangs erwähnt, mehr als genug: Mc Donalds zum Beispiel hatte noch neun offene Ausbildungsplätze zu bieten. Auch die Buchhandlung „Mercure“ und viele andere Betriebe hatten noch freie Plätze. Also zählten sie zu den insgesamt 15 eingeladenen Betrieben, wobei die KoKo darauf achtete, dass fast alle für Duisburg repräsentativen Branchen vertreten sind. Anwesend waren letztlich zum Beispiel die Deutsche Bahn und die Deutsche Post, eine mittelständische Textilfirma, ein Logistikunternehmen, ein großes Einzelhandelsunternehmen, ein Malerbetrieb, eine Buchhandlung, ein Gastronomiebetrieb und eine große Hotelkette.

Mit jedem Unternehmen wurde bis ins Detail besprochen, welche freien Ausbildungsstellen noch zu besetzen sind und was es sonst noch – Praktika zum Beispiel – zu bieten hat. „Zugleich“, ergänzt Andreas Berger, „haben wir ihnen zugesichert, dass sehr viele motivierte, zuvor von ihren Lehrern gebriefte Jugendliche kommen, die alles an Unterlagen mitbringen, was zum Kennenlernen nötig ist, und dass geeignete Jugendliche zielgerichtet bei ihnen landen.“

So eindeutig der Schwerpunkt der Veranstaltung auf der dualen Berufsausbildung lag: Klar war, dass weitere Angebote erforderlich sind, denn nicht alle teilnehmenden Jugendlichen würden in ein betriebliches Auswahlverfahren münden. Folglich waren auch die Berufskollegs, die Arbeits­agentur, die Kammern sowie Bildungsträger, also „der gesamte Mikrokosmos des Übergangssystems“, wie Andreas Berger formuliert, ebenfalls mit ihren spezifischen Portfolios am Tag der Perspektive vertreten. So konnte die KoKo ihr Versprechen einlösen, dass jede und jeder Jugendliche ein konkretes Angebot erhält, sei es ein Auswahlverfahren für einen Ausbildungsplatz in einem Unternehmen, ein berufsorientierendes Angebot der Arbeitsagentur, einen Termin zur Beratung am Berufskolleg oder etwa ergänzend einen Gutschein für ein Bewerbungscoaching bei einem der Bildungsträger.
 
Die Frage nach dem Veranstaltungsort hatte die KoKo schon vorab geklärt: „Mit ihm wollten wir verdeutlichen, dass es uns nicht um die berufliche Not-Versorgung von Jugendlichen geht, sondern um die duale Ausbildung in Betrieben.“ Die Wahl fiel auf die thyssenkrupp Steel Europe AG. Ingrid Bürgers: „Das Unternehmen ist einer der größten Arbeitgeber in Duisburg mit sehr hohem sozialen Engagement, das auch schon früh Plätze zu Berufsfelderkundungen angeboten hat.“

Auf Anfrage stellte der Stahlproduzent unverzüglich das Auditorium seines Ausbildungszentrums in Duisburg-Ruhrort zur Verfügung. Aber warum? Schwierigkeiten, freie Ausbildungsplätze zu besetzen hat das Unternehmen mit weltweitem Renommee sicher nicht. Sascha Liebert, Ausbildungsleiter für die kaufmännischen Berufe bei der thyssenkrupp Steel Europe AG, liefert die Erklärung: „Wir haben festgestellt, dass die Berufs- und Ausbildungsberatung in einem größeren Team am besten funktioniert. Das gilt vor allem für unentschlossene Bewerberinnen und Bewerber, die noch nicht so genau wissen, ob eine berufliche Erstausbildung der richtige Weg für sie ist. Uns hat das Konzept der KoKo sehr gut gefallen, weil an der Veranstaltung sehr viele Player am Personalentwicklungsmarkt mit ihren unterschiedlichsten Angeboten teilgenommen haben, sodass wir letztlich gemeinsam die Jugendlichen beraten konnten. Insofern ist der Tag der Perspektive ein optimales Format im Übergangssystem.“

Damit der im Norden der Stadt gelegene Veranstaltungsort auch von Jugendlichen aus dem Süden der großflächigen Kommune erreichbar war, hatte die KoKo für einige von ihnen einen Bustransfer organisiert. Auch an die Versorgung der ganztägig anwesenden Akteure hatte sie gedacht und für die Mittagspause ein Catering organisiert – der i-Punkt im komplexen Planungsgeflecht.

Konkrete Angebote
 

Die detaillierte Vorbereitung der Veranstaltung im Hinblick auf die Unternehmen fand ihr Pendant in der Planung, die sich unmittelbar auf die Jugendlichen bezog.

Zunächst wurden die Lehrerinnen und Lehrer gebeten, alle Jugendlichen der Abgangsklassen zu identifizieren, die noch nicht über eine berufliche Perspektive verfügen. Ingrid Bürgers: „Also nicht nur jene, die keinen Schulabschluss bekommen oder einen schwachen Hauptschulabschluss haben, sondern auch Gymnasiasten oder Gesamtschüler der Sekundarstufe II, die noch nicht wissen, was sie machen wollen, plus die Jugendlichen von Berufskollegs in der Ausbildungsvorbereitung, also in niederschwelligen Bildungsgängen.“

Dazu hatte die KoKo vorab einen kurzen Fragebogen unter anderem zu den Interessen der Jugendlichen entwickelt, inklusive freiem Feld für etwaige Kommentare der Lehrerinnen und Lehrer. Axel Roghmanns: „So konnten wir vorplanen, wohin jeder Jugendliche aufgrund seiner persönlichen Situation am Tag der Veranstaltung gehen sollte, um den für ihn optimalen Ansprechpartner zu finden: zu einem Unternehmen, zum Berufskolleg, zur Arbeitsagentur, zu einer der Kammern oder zu einem Bildungsträger“ – eine der vielen KoKo-Ideen, die heute als Erfolgsfaktoren der Veranstaltung gelten.

Eine weitere Abmachung: Die Lehrerinnen und Lehrer sollten ihre Schülerinnen und Schüler auf den Tag der Perspektive vorbereiten und zur Veranstaltung begleiten, „um sicherzustellen, dass sie auch tatsächlich hier ankommen.“

Wie exakt die KoKo schon im Vorfeld alle Abläufe aufeinander abgestimmt hat, dokumentiert auch die „Steuerung der Besuchergruppen“. Axel Roghmanns: „Wir wollten vermeiden, dass vor einem Stand Gedränge entsteht, sodass intensivere Gespräche zwischen einem potenziellen Arbeitgeber und den Schülerinnen und Schülern gar nicht möglich wären. Deshalb haben wir uns für eine Taktung des gesamten Tages entschieden und eine Obergrenze von 50 Jugendlichen pro Stunde festgelegt, dem nach unserer Einschätzung durchschnittlichen Aufenthalt der Jugendlichen, von denen nicht jeder jeden Stand besuchen musste – auch wenn das natürlich nicht verboten war.“

Gleich im Eingangsbereich des Auditoriums wurden die Jugendlichen von Kolleginnen und Kollegen des Amts für Schulische Bildung empfangen, nannten ihre Namen und erhielten einen zuvor von der KoKo auf der Basis der Lehrer-Informationen erstellten „Laufzettel“, quasi als Handlungsplan mit Empfehlungen für den Gang durch das Auditorium inklusive einer verbindlichen ersten Anlaufstation.

Axel Roghmanns nennt ein Beispiel: „Eine Schule hatte gemeldet, dass ein Schüler voraussichtlich den Hauptschulabschluss Klasse 10 mit recht gutem Notendurchschnitt erwirbt. Trotz seiner Bemühungen um eine duale Ausbildung hatte er sich vorsorglich am Berufskolleg angemeldet. Zusätzlich hatte der Lehrer auf das Interesse des Jugendlichen am Thema Logistik hingewiesen. Da wir wussten, dass das bei der Veranstaltung anwesende Unternehmen Imperial Logistics International B. V. & Co. KG Ausbildungsplätze im Bereich Logistik wie etwa die zum Fachlageristen oder zum Speditionskaufmann anbietet, haben wir für diesen Jugendlichen als erste Anlaufstation ,Imperial‘ eingetragen. Für den Fall, dass sich ihm keine Perspektive im Betrieb anbietet, haben wir als zweite Station die Agentur für Arbeit genannt, die ihm weitere Vermittlungsvorschläge machen kann, sowie als dritte Station die IHK oder die Kreishandwerkerschaft mit ihren Datenbanken offener Ausbildungsstellen.“

Zweites Beispiel: Hatte ein Lehrer vorab mitgeteilt, dass ein Jugendlicher bereits an einem Berufskolleg mit der Fachrichtung Gesundheit/Soziales angemeldet ist, mittlerweile aber den technischen Bereich präferiert, und die Information mit dem Kommentar „ein Schulbesuch am Berufskolleg macht auf jeden Fall Sinn“ versehen, wurde der Jugendliche gleich zum richtigen Berufskolleg geleitet.

Fehlten auf den Fragebögen Detailinformationen zu den Interessen eines Jugendlichen, fand im Empfangsbereich in der Clearingstelle ein kleines Beratungsgespräch statt. Stellte sich dabei heraus, dass er sich zum Beispiel eine Ausbildung im Gastronomiesektor vorstellen könne, erschien das Unternehmen McDonald als guter Ansprechpartner. Axel Roghmann: „In diesen Fällen konnten wir den Laufzettel erst kurzfristig erstellen.“

Idealtypisch hatten alle Jugendlichen ihren Lebenslauf dabei. Falls nicht – auch auf diese Eventualität war die KoKo eingestellt –, gingen die Jugendlichen gleich nebenan zum Stand des Kinderschutzbundes mit dem Projekt „PlusPunktDU“, erstellten dort einen Lebenslauf, ließen – von der KoKo beauftragte Fotografen waren ebenfalls vor Ort – ein Bewerbungsfoto anfertigen und gingen anschließend, mit Unterlagen bestens ausgestattet, zum Stand des Unternehmens zurück.

Erweckten Jugendliche nach ihrem Rundgang den Eindruck, überfordert zu sein und noch keine individuelle Lösung für sich gefunden zu haben, stand sicherheitshalber die kommunale Inklusionskoordinatorin Irma Lababidi am Ausgang und sprach die Jugendlichen freundlich persönlich an: „Hast du etwas für dich gefunden?“ Lautete die Antwort „Nein, nix gefunden“, fragte sie: „Was wolltest du denn?“, nahm den Jugendlichen – bildlich gesprochen – an die Hand und ging ein paar Meter mit ihm zu einem Stand, der am ehesten für ihn infrage kam. So war sichergestellt: Niemand verlässt das Auditorium ohne neue berufliche Chance!

Beeindruckende Bilanz
 

Beeindruckend die Bilanz am Ende des Tages: Von den 360 Jugendlichen, die der Einladung gefolgt waren, sind 240, also exakt zwei Drittel, im Auswahlverfahren eines Unternehmens gelandet. Allein das Einzelhandelsunternehmen Lidl GmbH & Co. KG hat 53 Jugendliche zu einem Bewerbungsverfahren eingeladen, die Deutsche Post elf. Nicht minder engagiert die Imperial Logistics International B. V. & Co. KG. Sie bot fünf Jugendlichen in einem Bewerbungsverfahren die Chance auf eine Ausbildung sowie einen zukunftssicheren Arbeitsplatz, denn, wie Jasmin Vielhauer, Personalreferentin des Unternehmens, sagt, „so lange wir nicht beamen können, wird es die Logistik geben.“

Auch die Alba Bau GmbH, ein Duisburger Gerüstbauunternehmen, hat den Tag der Perspektive genutzt, um für seine freien Ausbildungsplätze zu werben. Viele Jugendliche, weiß das Unternehmen, bringen zwar die körperlichen Voraussetzungen mit, um täglich draußen in teils schwindelerregender Höhe zu arbeiten, scheitern jedoch an den theoretischen Herausforderungen des Ausbildungsberufs. Entsprechend hoch sind die Abbruchquoten. „Umso wichtiger ist das richtige Matching vor Ausbildungsbeginn“, sagen die Firmenmitarbeiter Emre Albayrak und Hüseyin Demirci, „und dazu bot der Tag der Perspektive eine gute Chance.“ Die KoKo jedenfalls freut sich, dass die Alba Bau GmbH zukünftig den Pool an Unternehmen erweitert, die Plätze für Berufsfelderkundungen offerieren.

Konkrete Angebote lieferten auch die May­ersche Buchhandlung, das Mercure Hotel, die Böge Textil-Service GmbH & Co. KG, das Personalamt der Stadt, die Niederrheinische IHK sowie die Kreishandwerkerschaft. Der Malerbetrieb Gutonik zum Beispiel hat an vier Jugendliche Gutscheine ausgegeben: „Sie berechtigen zum zweiwöchigen Schnupper-Praktikum, um den Betrieb und seine Arbeit kennenzulernen.“

Erwähnenswert ist aber auch die Erfahrungen der Sparkasse Duisburg beim Tag der Perspektive. Auch sie hatte noch freie Ausbildungsplätze zu besetzen. „Doch viele Jugendliche mit mittlerem Bildungsabschluss“, sagt Melanie Metzlaff, Ausbilderin bei der Sparkasse Duisburg, „meinen irrtümlich, man brauche Abitur, um eine Ausbildung als Bankkaufmann oder -frau zu beginnen.“ Zwar hätten in der Tat die meisten Auszubildenden eine Hochschulzugangsberechtigung, zwingend erforderlich aber sei sie nicht.

Tatsächlich haben sich im Nachgang zur Veranstaltung drei Jugendliche mit mittlerem Bildungsabschluss bei der Sparkasse beworben. Einer von ihnen nahm an einem Test teil, dessen Bestehen zur Teilnahme am Assessment Center berechtigt. „Dort hat der Bewerber jedoch nicht die erforderlichen Potenziale gezeigt“, so die Ausbilderin, „doch auch wenn es in diesem Jahr nicht geklappt hat: In der Veranstaltung konnten wir die Jugendlichen mit mittlerem Bildungsabschluss darüber aufklären, dass auch sie sich bei uns bewerben können.“ Vorsorglich hat sie deshalb eine hauseigene Broschüre an interessierte Jugendliche verteilt, die bei der Vorbereitung auf den Test gezielt unterstützt.

Wie am Schnürchen hingegen lief es für zwei Jugendliche, der eine mit Haupt-, der andere mit Realschulabschluss, bei der MTS Systemgastronomie GmbH McDonald`s Restaurants. „Sie hatten sich“, berichtet Nicole Hylla, Mitarbeiterin des Duisburger Unternehmens, „unmittelbar nach der Veranstaltung bei uns beworben und wirkten im Vorstellungsgespräch so überzeugend, dass sie schon jetzt ihre Ausbildung zur Fachkraft im Gastgewerbe in der Systemgastronomie beginnen.“ Schneller geht`s nicht. „Wenn in der Ausbildung alles gut läuft“, wirft Nicole Hylla einen Blick in die berufliche Zukunft der beiden, „können sie ein drittes Ausbildungsjahr anschließen und Fachmann für Systemgastronomie werden.“

Ein konkretes Angebot von der MTS Systemgastronomie GmbH bekam aber auch, wie von der KoKo vorab versprochen, ein Jugendlicher ohne Hauptschulabschluss. Ihm hatte Nicole Hylla in einem offenen Gespräch klargemacht, dass er aufgrund schulischer Defizite die Abschlussprüfung nur schwerlich schaffen würde. Ohne Chance blieb er dennoch nicht: Die Geschäftsführung stellte ihn mit sofortiger Wirkung als Mitarbeiter ein, kombiniert mit der Abmachung, dass er in der Abendschule seinen Hauptschulabschluss nachholt. Nicole Hylla: „Für den Fall, dass er ihn schafft, hat er die feste Zusage auf einen Ausbildungsplatz bei uns.“

Weitere Angebote für rund 60 Jugendliche steuerten die fünf Berufskollegs der Stadt bei, und Jugendlichen, die noch nicht für eine Ausbildung bereit waren, wurden Plätze in berufsvorbereitenden Maßnahmen offeriert oder sie erhielten Informationen, wo sie den nächsthöheren Schulabschluss erwerben können. Hier waren das Diakoniewerk, das Jugendamt, die Kant-Fachoberschule, die VHS, die „Duis­burger Werkkiste“, die Lebenshilfe sowie „PlusPunkt DU“ aktiv.

Vorbildlich in diesem Kontext war, das Engagement von Musa Alper, Lehrer an der Hauptschule Walsum: Alle neun von der KoKo eingeladenen Schülerinnen und Schüler seiner Klasse haben, von ihm begleitet, den Tag der Perspektive besucht, obwohl alle von ihnen zunächst noch an Berufskollegs den Hauptschulabschluss nach Klasse 10 erwerben wollen, um ihre Berufschancen zu vergrößern.

Musa Alper hat dennoch großen Wert darauf gelegt, am Tag der Perspektive teilzunehmen. Seine Begründung: „Hier konnten sie im direkten Gespräch mit den Firmen und nicht nur immer von ihrem eigenen Lehrer erfahren, wie wichtig Sekundärtugenden wie etwa Pünktlichkeit oder Teamfähigkeit im Berufsleben sind und dass ein Hauptschulabschluss nach Klasse 10 die Voraussetzung für den Beginn einer dualen Ausbildung ist. Ich gehe davon aus, dass das meine Schülerinnen und Schüler zusätzlich motiviert. Einer von ihnen hat übrigens gleich die feste Zusage eines Gerüstbauunternehmens bekommen, dort ein zweiwöchiges Praktikum zu absolvieren. Läuft alles gut, wird er in ein Ausbildungsverhältnis übernommen.“

Durchweg positiv entsprechend die Rückmeldungen der Partner aus der Steuerungsgruppe. Elisabeth Schulte, Geschäftsführerin des Unternehmerverbands, Jürgen Kaiser von der niederrheinischen IHK und Industrie- und Handelskammer und Dr. Frank Bruxmeier, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Duisburg, sind sich einig: „Der Tag der Perspektive hat seinen Anspruch, sowohl den Jugendlichen wie auch den beteiligten Unternehmen zu nutzen, in jeder Hinsicht erfüllt.“
 
Als „großartige Veranstaltung“ bezeichnet Katrin Becker, Teamleiterin der Berufsberatung bei der Duisburger Agentur für Arbeit, den Tag der Perspektive. Sie selbst war frühzeitig involviert in dessen Planung. An einem gemeinsamen Stand mit dem Jobcenter Duisburg wurden 130 Gespräche mit Jugendlichen geführt: „Unser gemeinsamer Arbeitgeber-Service konnte einigen Jugendlichen direkt vor Ort konkrete Hinweise geben, welche Unternehmen noch freie Ausbildungsplätze für welche Berufe anbieten. Wir haben die Jugendlichen dazu animiert, ihre Bewerbungen möglichst rasch auf den Weg zu bringen und ihnen dazu die Ansprechpartner in den Unternehmen genannt. Gleichzeitig haben wir aber auch die Kontaktdaten der Jugendlichen entgegengenommen, um sie auch zukünftig bei der Vermittlung in Ausbildung unterstützen zu können.“

In anderen Fällen haben Arbeitsagentur und Jobcenter mit den Jugendlichen Termine für eine ausführliche Einzelberatung verabredet – Termine nicht irgendwann, sondern direkt am nächsten Tag oder in der folgenden Woche. Kat­rin Becker: „Damit wir den Jugendlichen auch wirklich zeitnah konkrete Angebote unterbreiten konnten, hatten wir schon im Vorfeld Zeiten für die Beratung reserviert.“

Besonders wertvoll an der Veranstaltung war in ihren Augen, „dass alle wichtigen Partner zusammengekommen sind, um für alle Jugendlichen eine Lösung zu finden. Wenn der Tag der Perspektive im nächsten Jahr neu aufgelegt wird“, so die Teamleiterin der Agentur für Arbeit resümierend, „sind wir auf jeden Fall wieder mit unseren Kolleginnen und Kollegen aus dem Jobcenter dabei.“

Strategische Weiterentwicklung
 

Das alles zeigt: Der „Tag der Perspektive“ hat sich gleich im ersten Anlauf bewährt, das neue Format wirkt! Auf den Erfolgen ruht sich die KoKo indes nicht aus. Modifizierungen für eine Neuauflage im kommenden Jahr sind bereits geplant. Das betrifft zum Beispiel den Zeitpunkt der Veranstaltung. Sie soll im nächsten Jahr früher stattfinden und nicht erst zum Schuljahresende. Da zudem immerhin 90 der eingeladenen Jugendlichen nicht erschienen sind, will die KoKo zukünftig noch stärker auf die Begleitung durch das Lehrpersonal drängen.

Wünschenswert ist in den Augen der KoKo auch ein noch intensiveres Engagement der Unternehmensvertreter in der Steuerungsgruppe bei der Akquise von Unternehmen: „Sie haben hervorragende Beziehungen zu den Betrieben und können sie viel leichter als wir vom Sinn einer Teilnahme an einer solchen Veranstaltung überzeugen.“ Grundsätzlich warnt Ingrid Bürgers davor, den in jeder Hinsicht positiven Verlauf der Veranstaltung so zu deuten, als sei der Tag der Perspektive ein Selbstläufer: „Das wäre ein Trugschluss“, stellt sie klar, „wir sind weiter auf das intensive Engagement unserer Partner in der kommunalen Allianz angewiesen.“

Mit gutem Beispiel geht sie voran und plant etwas Neues hinsichtlich der vertretenen Branchen. Nachdem in diesem Jahr ein Krankenhaus seine Teilnahme kurzfristig aus Personalgründen absagen musste, ist im nächsten Jahr auf jeden Fall der Gesundheits- und Pflegesektor vertreten. Mit dabei sein soll zudem ein Berufskolleg, das auch überbetriebliche Ausbildung etwa in den Bereichen Erziehung und Pflege anbietet.

Im Rückblick sieht die Sachgebietsleiterin den Tag der Perspektive als Kick-off für die themenbezogenen Kooperationsworkshops, welche die Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung (G.I.B.) in Abstimmung mit dem MAGS NRW durchführt. Ziel ist, die Kooperation der an KAoA beteiligten Akteure zu stärken. Ihr Kollege Axel Roghmanns arbeitet dazu schon lange intensiv mit den Schulen zusammen. Er weiß, dass die Lehrerinnen und Lehrer in vielerlei Hinsicht hoch beansprucht sind. „Manche von ihnen“, so seine Erfahrung, „wissen noch gar nicht, dass die Beratung der Schülerinnen und Schüler in diesem Handlungsfeld zu ihren Aufgaben zählt.“

Damit sich das ändert, will Ulrike Nix­dorff von der Schulaufsicht Hauptschulen beim Schulamt für die Stadt Duisburg gemeinsam mit dem Schulamtskoordinator und der KoKo noch in diesem Jahr in Schulen aller Schulformen Gespräche mit der Schulleitung, dem StuBo-Team sowie den anderen Lehrerinnen und Lehrern führen, die guten Beispiele aus anderen Schulen kommunizieren und bei etwaigen Unterstützungsbedarfen selbst beraten oder aber Partnerschulen nennen, die entsprechende Hilfen anbieten können. Geplant sind zudem Fortbildungs-Veranstaltungen für Lehrerinnen und Lehrer, um deren Beratungskompetenz hinsichtlich der Anschlussmöglichkeiten nach den Sekundarstufen I und II zu stärken. Konkret heißt das: „Wir müssen die verschiedenen Daten zusammenführen: die schulischen Leistungen, den angestrebten bzw. den realistischen Abschluss, die Ergebnisse der Potenzial­analyse sowie die Erfahrungen aus Praktikum und Berufsfelderkundungen und so vernünftige, folgerichtige Ketten erstellen, die zum angestrebten Ziel führen. Manche Schulen in Duisburg haben hierzu bereits hervorragende Konzepte erstellt, andere sind noch nicht so weit.“

Der Erfolg des Tages der Perspektive hat sich in ganz NRW herumgesprochen. Einige Kommunen haben bereits nachgefragt, unter welchen Bedingungen so eine Veranstaltung gelingen kann. Neben vielen speziellen Hinweisen konnte ihnen Ingrid Bürgers aber auch einige grundlegende Erfolgsfaktoren nennen: Ein ausreichender Zeitraum für die Planung, das Bedenken aller Eventualitäten, Flexibilität bei der Planung beim Auftauchen neuer Problemstellungen, die frühzeitige Einbindung der Partner, die Präsentation konkreter Angebote und die Gestaltung der doppelten Perspektive – für die Jugendlichen wie auch für die Unternehmen. „All das macht die Attraktivität einer solchen Veranstaltung aus.“

Und, ergänzt sie, die Stadtspitze sollte hinter dem Vorhaben stehen. Das war in Duis­burg der Fall. Hier hatte Thomas Krützberg, Dezernent für Familie, Bildung und Kultur, die Veranstaltung eröffnet. Nach seinen Worten ist sie „ein Format, das zwingend in Duisburg erfunden werden musste.“ Nächstes Jahr, prognostizierte er, „werden wir vom traditionellen Tag der Perspektive sprechen.“ Ingrid Bürgers und ihr KoKo-Team stimmen zu, nehmen aber auch hier, wie schon bei der Entwicklung des Konzepts, die Zukunft gedanklich vorweg: „Wenn irgendwann die frühzeitige Berufsorientierung in allen Schulen erfolgreich etabliert ist, wird ein Tag der Perspektive in dieser Form vielleicht überflüssig sein.“

Ansprechpartnerin in der G.I.B.

Dörthe Koch
Tel.: 02041 767114
d.koch@gib.nrw.de

Kontakt

Stadt Duisburg
Amt für Schulische Bildung
Schulamt und Schulische Angebote
Ingrid Bürgers
Tel.: 0203 2834009
i.buergers@stadt-duisburg.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@arcor.de
Artikelaktionen