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(Heft 4/2017)
Interview mit Prof. Dr. Werner Schönig von der Katholischen Hochschule NRW

Disziplinübergreifend anwendbar: der Resilienz-Ansatz

Der Begriff „Resilienz“ taucht in den letzten Jahren immer häufiger und in immer mehr Kontexten auf. Ob ökologisch, psychologisch oder politisch konnotiert – die verschiedenen Ansätze haben einen gemeinsamen Nenner: Es geht um Widerstandsfähigkeit. Wir haben mit Prof. Dr. Werner Schönig von der Katholischen Hochschule NRW gesprochen, der in seiner Arbeit unter anderem einen Schwerpunkt auf Sozialraum und sozialökonomische Fragestellungen legt. Er erklärt, was sich hinter dem Resilienz-Ansatz verbirgt, und zeigt die Übertragungsmöglichkeiten für die Arbeit von arbeitsmarktpolitischen Akteuren auf.

G.I.B.: Woher kommt der Resilienz-Begriff und wie ist er zu verstehen?

Foto-Schönig-Katho-Fotografin-Marion-Koell.jpgProf. Dr. Werner Schönig: Ursprünglich kommt der Begriff aus der Ökologie und bedeutet „zu einem Ausgangszustand zurückgehen“. Sich im Sturm biegende Bäume kehren wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurück, sind also resilient. Sie sehen schon, das hat etwas mit dem zu tun, wie wir den Resilienzbegriff in der Arbeitsmarktpolitik verstehen, wo es darum geht, wie jemand Herausforderungen meistert und nicht daran zerbricht.

Der Begriff wurde in den 1980er Jahren von der Psychologie aufgenommen und definiert als „eine positive Entwicklung unter schwierigen Bedingungen“. Wenn Menschen in einem problematischen Umfeld aufwachsen und sich trotzdem normal entwickeln. Wenn Kinder aus einer Trinkerfamilie als Erwachsene keine Alkoholprobleme haben, missbrauchte Kinder ein normales Sexualverhalten entwickeln, dann sind das klassische Resilienzphänomene. Die dritte Bedeutung stammt aus der angelsächsischen Diskussion, die in Verbindung mit dem Thema soziale Ungleichheit geführt wird. „Resiliance“ meint hier die Widerstandsfähigkeit trotz problematischer Bedingungen, zum Beispiel in sozialen Brennpunkten. Das geht über das psychologische Verständnis hinaus und ist eher politisch konnotiert.

G.I.B.: Was macht Resilienz für die soziale Arbeit interessant? Ist die Übertragung sinnvoll?

Prof. Dr. Werner Schönig: Resilienz öffnet den Blick auf das Positive, auf die Chancen, Möglichkeiten, die jemand hat, und beschäftigt sich mit Positivbeispielen, anders als in Deutschland, wo wir sehr problemfokussiert sind und Probleme schnell für unlösbar halten. Begriffe wie „Multiproblemfamilie“ oder „Mehrfache Vermittlungshemmnisse“ bringen uns nicht weiter, wenn wir etwas Positives bewirken wollen. Dieser Schwenk der Perspektive ist interessant – und wird entsprechend in unterschiedlichen Disziplinen z. B. der sozialen Arbeit oder Arbeitspolitik adaptiert.

Eine solche Denkweise wäre noch vor dreißig Jahren politisch nicht opportun gewesen. Damals war man sehr auf die individuelle Ebene reduziert, nach dem Motto „Du schaffst das schon“ oder „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Ich glaube, die gesellschaftspolitische Diskussion wäre damals dem Resilienzgedanken gegenüber viel ablehnender gewesen. Die Grundstimmung hat sich geändert.

G.I.B.: Wie geht Resilienzforschung vor – zum Beispiel beim Thema Übergang von der Schule in den Beruf?

Prof. Dr. Werner Schönig: Es wird auf den Einzelfall bezogen vorgegangen und dabei eine Fallgeschichte rekonstruiert. In dieser Fallgeschichte richtet sich der Fokus auf Typen, die Übergänge erfolgreich gestaltet haben.

Zunächst wird der „Erfolg“ als geglückter Übergang von der Schule in den Beruf definiert. In einem weiteren Schritt werden die Merkmale analysiert, die bei Personen beobachtet werden können, denen ein erfolgreicher Übergang geglückt ist. Welche Merkmale haben sie gemein und welche Merkmale sind im Umfeld erkennbar? Und umgekehrt: Haben gescheiterte Menschen andere Merkmale, ein anderes Umfeld?

Bei dieser typologischen Herangehensweise geht es aber nicht um oberflächliches Schubladendenken, sondern um die Nähe zu unterschiedlichen, aber komplexen Typen. Wir ordnen im Prinzip die Komplexität unserer Erfahrungen analytisch bestimmten Typen zu, die bestimmte Merkmale aufweisen. Daraus können sich naheliegende Interventionen ergeben. Man versucht biografisch zu arbeiten, aber nicht nur mit individuellen Biografien, die nicht vergleichbar sind, sondern mit ähnlichen Verläufen. Dadurch bringt man Strukturen in die biografische Arbeit.

G.I.B.: Das verführt vielleicht dazu, problematische Lagen auf eine zu simple Ursache-Wirkungs-Kette zu reduzieren.

Prof. Dr. Werner Schönig: Nein, so einfach ist es nicht. Wir beschäftigen uns mit Begriffen wie Schutzfaktoren und Risikofaktoren. Wir fragen: Was sind die Faktoren, die wir verstärken müssten, und was die, die wir eher abschwächen müssten, und wie können wir das umsetzen? Wir haben kein Rezept, aber Merkmale, mit denen wir arbeiten können und die empirisch gut belegt sind. Es gibt auch Faktoren, die man nicht beeinflussen kann: die positive Einstellung, die persönliche Intelligenz und das Geschlecht. Außerdem spielt offenbar auch die Kinderhierarchie eine Rolle bei resilientem Verhalten, die Tatsache, ob man das älteste oder das jüngste Kind ist. Wir haben also auch ein Set an Faktoren, die ausschlaggebend sind, an denen wir jedoch nicht viel ändern können.

G.I.B.: Welche Faktoren lassen sich beeinflussen – und wie?

Prof. Dr. Werner Schönig: Wir wissen aus den Fallgeschichten, wo es sich lohnt, anzusetzen, z. B. beim Umfeld. Damit kann man sehr gut arbeiten. Für Jugendliche aus schwierigen Familien ist es wichtig, in der Zeit vom Übergang von der Schule in den Beruf Beziehungspersonen außerhalb der Familien zu haben, Menschen, zu denen sie eine Beziehung aufbauen können und die ihnen auf ihrem Weg helfen. Nicht etwa für ein halbes Jahr innerhalb eines Projektes, sondern über Jahre und Jahrzehnte hinweg.

Hierfür ist eine Infrastruktur mit verlässlichen Arbeitsbedingungen und klaren personellen Zuordnungen notwendig, um an die Jugendlichen heranzukommen und ihnen zu helfen. An erster Stelle und traditionell hat die Jugendhilfe, vor allem die in offenen Einrichtungen, eine sehr wichtige Funktion. Oftmals unterstützen auch Fußballtrainer, Lehrerinnen und Lehrer, die die Jugendlichen und die Szene kennen und über einen längeren Zeitraum eine Beziehung zu den Jugendlichen entwickelt haben. Im Rahmen eines Resilienz-Förderprojektes, das nur befristet für ein Jahr in einem Stadtteil umgesetzt wird, ist das nicht zu realisieren.

G.I.B.: Ist Resilienz auch ein Thema für Lebensältere?

Prof. Dr. Werner Schönig: Ich glaube tatsächlich, je weiter jemand biografisch fortgeschritten ist, desto weniger kann man mit dem Resilienzansatz arbeiten. In den Kontexten, in denen ich mich damit befasst habe, geht es um jüngere Menschen. Aber es gibt in der angelsächsischen Diskussion zum Beispiel auch um resiliente Stadtteile mit einer höheren Altersstruktur. Das Alter spielt keine Rolle, wenn Sie ganze Gruppen unter dem Resilienzaspekt betrachten. Aber in der Einzelfallbetrachtung ist dieser Ansatz schon eher etwas für jüngere Jahrgänge.

G.I.B.: Wie können nicht institutionelle Kontakte für die professionelle Resilienz-Arbeit gewonnen und unterstützt werden?

Prof. Dr. Werner Schönig: Es gibt viele Personen mit Einfluss, aber ohne professionellen Hintergrund. Das können Ehrenamtler im Stadtteil sein oder auch ein Kioskbesitzer, der einen Einfluss auf die Jugendlichen haben kann. Das kann auch der Iman sein. Diese Personen könnten etwa an einer Stadtteilkonferenz teilnehmen. Nicht jeder Ehrenamtler aber möchte Teil eines professionellen Netzwerks zur Resilienz-Stärkung in einem Stadtteil sein. Da gibt es große Berührungsängste, und damit muss man sensibel umgehen. Sicherlich ist eine klassische ehrenamtlich tätige Person leichter zu gewinnen als ein zufälliger Kontakt.

G.I.B.: Wie kann man aus der Resilienzforschung ganz konkret arbeitsmarktpolitische Strategien ableiten? Zum Beispiel für die Landesinitiative „Kein Abschluss ohne Anschluss“ (KAoA)?

Prof. Dr. Werner Schönig: Für die professionell tätigen Personen ist es sehr wichtig, sich zu vernetzen. Häufig sind es dieselben Jugendlichen, die an den unterschiedlichen Stellen im Hilfesystem immer wieder auftauchen. Daher ist es entsprechend sinnvoll, dass sie sich vernetzen. Denkbar wäre zum Beispiel, dass sich in den Netzwerken auch jemand wie ein Stadtteilmanager befindet, der das System koordiniert und öffnet. Er müsste entscheiden, inwieweit er informell weitere Akteure, zum Beispiel aus dem arbeitsmarktpolitischen Bereich, mit einbezieht.

G.I.B.: Zuständig für Jugendliche im SGB II sind die Jobcenter und hier die Fallmanagerinnen und -manager in den U25-Teams. Ist ein Unterschied auszumachen, wenn das Personal in einem Jobcenter mit dem Resilienz-Begriff vertraut ist? Agiert eine resilienzbasiert arbeitende Beratung im Jobcenter anders?

Prof. Dr. Werner Schönig: Ich glaube, aufgrund ihres institutionellen Hintergrundes ist die Herausforderung für Jobcenter, auf der Grundlage des Resilienz-Ansatzes zu arbeiten, groß. Sie müssten grundsätzlich verstärkt auf das Umfeld einschließlich des Stadtteils der Jugendlichen achten, weniger auf den Einzelfall. Hier stellt sich natürlich die Frage der personellen Ressourcen. Bei einem Jugendlichen könnte es sinnvoll sein, ihn vor Ort in einer Werkstatt im Stadtteil zu beschäftigen, damit er nicht aus seinem Sozialraum, seinem Hilfenetzwerk gerissen wird. Beim nächsten Jugendlichen kann der Stadtteil das Problem sein und es sollte bewusst der Wechsel des Umfeldes gefördert werden. Dafür müsste das Jobcenter eine besondere Sensibilität entwickeln und neue Perspektiven eröffnen – das ist bei einem Jobcenter, das nach Schema F handelt, nur schwer möglich.

G.I.B.: Ist der Resilienz-Ansatz auf die Arbeit mit Flüchtlingen übertragbar?

Prof. Dr. Werner Schönig: Ja! Ich habe hierfür schöne Beispiele von unserer Hochschule. An der Hochschule befinden sich viele resiliente geflüchtete Personen: Sie haben die deutsche Sprache gelernt, fügen sich ein und studieren in einem fremden Land. Sie waren in der Lage, trotz ihrer fürchterlichen Erlebnisse mehr oder weniger „aus dem Stand“ ein Studium aufzunehmen. Das ist bei anderen mit denselben Erfahrungen anders, viele sind traumatisiert. Warum ist das so? Beim Thema Flüchtlinge kann man das Thema Resilienz gut aufgreifen.

Selbst bei den beeindruckenden jungen Menschen bei uns an der Hochschule ist das kein Selbstläufer. Sie sind einsam, fühlen sich gestresst und herausgefordert, und sie brauchen viel Betreuung. Wir haben hier eine Person, die sie betreut und ihnen Nachhilfestunden gibt, sie mental aufbaut und sie stärkt, damit sie dabeibleiben.

Dann gibt es auch viele Flüchtlingsgruppen, die den Bildungshintergrund nicht haben, den der deutsche Arbeitsmarkt erfordert. Oder andere, die durch die Fluchterfahrung psychische Probleme entwickelt haben. Diese Menschen brauchen jemanden, der ihnen den Rücken stärkt. Verlässliche Ansprechpartner, die institutionell verankert sind und zu denen sie eine Beziehung aufbauen können.

G.I.B.: Um über die Grenzen Deutschlands hinauszuschauen: Sie planen ein Forschungsprojekt in den USA.

Prof. Dr. Werner Schönig: Ich nehme wahr, dass man Resilienzforschung in den USA sehr stark in den Kontext der sozialen Segregation stellt. Dort geht es um Armutsgebiete und um die Widerstandsfähigkeit der Bewohnerschaft als Gruppe. Das ist etwas, das wir in Deutschland unter Gemeinwesenarbeit verstehen. Allerdings geht es in den USA um ein wesentlich härteres Umfeld. Die Segregation spielt dort eine ganz andere Rolle, und es gibt wenige Angebote wie Nachbarschaftseinrichtungen oder Ähnliches. Im Wesentlichen sind die Leute mit ihren sozialen Problemen allein auf sich gestellt. Es geht im Prinzip um den Widerstand gegen die Herausforderungen der Gesellschaft, gegen gesellschaftliche Verhältnisse, gegen Perspektivlosigkeit. Ein Resilienzprojekt in den USA ist zum Beispiel das Engagement gegen „Food Deserts“. Es wird jahrelang dafür gekämpft, dass Supermärkte eröffnet werden. Resilience ist also der Kampf gegen die Lebensmittelwüs­te und für hochwertige Lebensmittel, die man im Supermarkt kaufen kann. Das hat eine ganz andere Konnotation, als wenn man hier Einzelfallhilfen für den Übergang Schule – Beruf anbietet.

Das Interview führten

Jochen Bösel
Tel.: 02041 767253
j.boesel@gib.nrw.de

Manfred Keuler
Tel.: 02041 767152
m.keuler@gib.nrw.de

Kontakt

Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen
Wörthstr. 10, 50668 Köln
Prof. Dr. rer. pol. habil. Werner Schönig
Tel.: 0221 7757145
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