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(Heft 4/2017)
Bewährtes Instrument sprach- und migrationssensibel weiterentwickelt

Düsseldorfer Potenzialanalyse der Vielfalt

Die Potenzialanalyse ist für die Schülerinnen und Schüler der 8. Klassen der Auftakt zu ihrer persönlichen Berufs- und Studienorientierung im Rahmen des Landesvorhabens „Kein Abschluss ohne Anschluss. Übergang Schule – Beruf in NRW“ (KAoA). Die Kommunale Koordinierungsstelle Düsseldorf hatte dazu bereits 2014, in enger Abstimmung mit Akteuren im KAoA-Netzwerk, die „Düsseldorfer Potenzialanalyse“ entwickelt – ein bewährtes Instrument, das den Jugendlichen durch handlungsorientierte Übungen und einen Berufsinteressenfragebogen die Auseinandersetzung mit eigenen Kompetenzen ermöglicht.

Bei bestimmten Schülergruppen, zum Beispiel neu zugewanderten, zum Teil geflüchteten Jugendlichen, stießen die bisherigen Verfahren aber an ihre Grenzen. Deshalb hat die Landeshauptstadt Düsseldorf, gemeinsam mit der Bielefelder Fachhochschule des Mittelstands und der Vodafone Stiftung, die „Düsseldorfer Potenzialanalyse“ im Rahmen eines anderthalbjährigen Projektes an den Einsatz in heterogenen Schülergruppen, z. B. an die Voraussetzungen und Bedürfnisse neu zugewanderter junger Menschen, angepasst und in Form eines modularen Werkzeugkoffers migrationssensibel weiterentwickelt. Dazu mussten die bewährten Übungen sprach- und kultursensibel ausgerichtet und neue Verfahren entwickelt und erprobt werden.

Förderer und Finanzier des Projekts war die Vodafone Stiftung Deutschland, die ihren Sitz in Düsseldorf hat. Die wissenschaftliche Leitung hatte Prof. Dr. Petra Lippegaus-Grünau1 von der Fachhochschule des Mittelstands Bielefeld. Die Landeshauptstadt Düsseldorf nahm als Kooperationspartner mit Vertretern der Kommunalen Koordinierungsstelle (KoKo) und des Kommunalen Integrationszentrums (KI) teil.

Dr. Johanna Börsch-Supan, Leiterin des Thinktanks der Vodafone Stiftung Deutschland: „Der Kontakt zur KoKo kam zustande, als wir bei einer Befragung von Schülern und Eltern einen großen Beratungsbedarf bei der Berufsorientierung festgestellt haben.“ Gleichzeitig wollte die Stiftung im Zuge der großen Anzahl zugewanderter Menschen 2015 ein Integrationsangebot für jugendliche Geflüchtete schaffen. Das Vorhaben der KoKo, KAoA-Standards und u. a. auch die Potenzialanalyse migrationssensibel zu gestalten, um die neu zugewanderten Schülerinnen und Schüler schnellstmöglich in die schulische Berufsorientierung zu integrieren, wurde daher schnell von der Stiftung aufgegriffen. Eine Kooperation lag also nah.

„Man hatte in Düsseldorf gemerkt, dass man, z. B. bei neu zugewanderten Jugendlichen, mit dem alten Instrument an Grenzen stieß“, sagt Petra Lippegaus-Grünau. „Sprachliche Grenzen, aber auch pädagogische Grenzen. Es ging um Fragen wie: Wird man den kulturellen Unterschieden, der besonderen Lebenssituation, den Bedürfnissen dieser Jugendlichen gerecht? Ist das pädagogische Personal, das die Jugendlichen bei der Potenzialanalyse beobachtet, ausreichend qualifiziert?“

Zunächst erstellte Petra Lippegaus-Grünau ein Kurzgutachten über die bewährte Potenzialanalyse, dessen Ergebnisse in einem Workshop mit der Projektgruppe und lokalen Verantwortungsträgern diskutiert wurden. Auf dieser Basis wurden mehrere zentrale Entscheidungen getroffen – als Richtschnur dienten, neben eigenen Erfahrungen, auch Standards des IQ-Netzwerks für Kompetenzfeststellungen mit erwachsenen Migrantinnen und Migranten.

Erstens: Die bisherigen handlungsorientierten Verfahren werden ergänzt. Bei standardisierten Anforderungen bleiben viele Kompetenzen unentdeckt. Um auch unerwartete Kompetenzen zu erfassen, braucht man Verfahren wie Kompetenzbilanzen, die auch die Person und ihre Biografie mit einbeziehen.

Zweitens: Auf Sprache wird nicht verzichtet, stattdessen werden die bisherigen und die neuen Übungen sprach- und migrationssensibel gestaltet. So werden auch für Menschen mit geringen deutschen Sprachkenntnissen „Ermöglichungsräume“ geschaffen, in denen sie ihre eigenen Kompetenzen erkunden und Sprache nutzen können.

Als didaktische Mittel dienen dazu: Visualisierung, einfache Sprache, dialogische Unterstützung. Alle Anleitungen enthalten Wörterbücher und eine anschauliche Illustration, mehrere Übungen sind nonverbal.

Drittens: Die Potenzialanalyse ist mit heterogenen Gruppen durchführbar, sie nimmt nicht bewusst eine Zielgruppe – etwa die der Geflüchteten – in den Fokus und setzt erst recht nicht an vermeintlichen Defiziten an. „In der Migrationspädagogik gibt es den Begriff ‚Othering’”, erklärt Petra Lippegaus-Grünau. „Vereinfacht bedeutet das, die Unterschiede in den Mittelpunkt zu rücken, das Gegenüber zum „Anderen“ zu machen, Unterschiede als Defizite zu sehen und Distanz aufzubauen. Diese Perspektive birgt die Gefahr der Diskriminierung. Das wollten wir vermeiden.“

Vor allem die Zusammenarbeit mit dem Kommunalen Integrationszentrum“, so Gregor Nachtwey von der Kommunalen Koordinierungsstelle Düsseldorf, habe dazu geführt, die Inhalte migrationssensibler zu betrachten und kulturelle Vielfalt in alle Themen einzubringen. Es habe sich die Frage gestellt: Erreichen wir mit der klassischen Potenzialanalyse Menschen, die z. B. Sprachbarrieren haben und aufgrund ihrer Herkunft auch ein vollkommen anderes Bild davon, was sie in Schule und Berufsausbildung erwartet?“

„Der ausschließliche Blick auf die deutschen Sprachkenntnisse verstellt oft den Blick auf die vorhandenen Potenziale“, sagt Ingeborg Barnikol-Demirok vom Kommunalen Integrationszentrum Düsseldorf. Dadurch, dass die neue Potenzialanalyse sprach- und migrationssensibel ausgerichtet sei, hätten die Schülerinnen und Schüler die Chance, ihre Potenziale zu zeigen. Das treffe im Übrigen auch auf die Schüler ohne Flucht- oder Migrationshintergrund zu. „Eigentlich profitieren alle Schüler davon“, so Ingeborg Barnikol-Demirok weiter.

Höchst heterogene Schülerschaft
 

Für Klaus-Peter Vogel, Schulleiter der Gemeinschaftshauptschule Bernburger Straße in Düsseldorf Eller, ist Heterogenität innerhalb der Schülerschaft Alltag. Die GHS Bernburger Straße ist eine erweiterte Ganztagsschule mit 350 Schülerinnen und Schülern aus rund 40 verschiedenen Nationen. Von den insgesamt 17 Klassen sind vier Klassen Seiteneinsteiger-Klassen mit Jugendlichen, die erst seit kurzer Zeit in Deutschland leben. Unter den 45 Schülern mit Zuwanderungshintergrund in diesen Klassen finden sich 25 verschiedene Nationalitäten; die Schulerfahrungen sind sehr unterschiedlich. „Das reicht von null Schulerfahrung bis hin zu Schülerinnen und Schülern mit einer exzellenten schulischen Bildung. Die Vorstellungen von beruflichen Werdegängen sind ebenfalls vollkommen divergent.“ Dazu komme die persönliche Situation, die Fluchtgeschichte, der Grad der Traumatisierung, der familiäre Hintergrund.

Das richtige Projekt zur richtigen Zeit
 

Nur wenige Monate nach Projektstart wurde die Arbeit der Projektgruppe von den programmatischen Entwicklungen eingeholt. War die Potenzialanalyse an Schulen zuvor nur für die Klasse 8 vorgesehen, wurde mit „KAoA-kompakt“ zu Beginn des Schuljahres 2016/2017 die Zielgruppe erweitert. Als eines von drei Elementen beinhaltet „KAoA-kompakt“ eine zweitägige Potenzialanalyse, die sich an neu zugewanderte Schülerinnen und Schüler aus den 10. Klassen an allgemeinbildenden Schulen, aus den Internationalen Förderklassen an Berufskollegs sowie an Jugendliche in den 10. Klassen, die, z. B. aufgrund eines Wohnortwechsels, noch nicht an KAoA teilgenommen haben, richtet. Da für sie am Ende des Schuljahres, ein Wechsel in eine andere Schulform oder der Übergang in eine Ausbildung bevorstehen könnte, werden mit „KAoA-kompakt“ zentrale Bausteine des Berufs- und Studienorientierungssystems, Potenzial­analyse, Berufsfelderkundungen, Praxiskurse und ein begleitendes Portfolioinstrument, zusammengeführt und von einem Träger kultur-, sprach- und gendersensibel sowie inklusiv umgesetzt.

Modularer Werkzeugkasten für verschiedene Bedarfe
 

Die Erkenntnisse aus der Arbeit der Projektgruppe führten dazu, dass nicht ein Instrument entwickelt wurde, sondern unterschiedliche Übungsmodule, die, wie bisher bereits nach Schulform (Gymnasium, Realschule, Hauptschule, Gesamtschule, Förderschule), nun aber auch je nach Sprachniveau und Bedarfslage in einem eintägigen oder zweitägigen Programm eingesetzt und variiert werden können. „Wir haben früh erkannt, dass wir in Modulen denken müssen“, sagt Johanna Börsch-Supan. „Das war ein Befreiungsschlag für das Projekt.“

Dieser Werkzeugkasten ist nun in 8. und 10. Klassen sowie in Internationalen Förderklassen an Berufskollegs als ein- oder zweitägige Variante einsetzbar.

Einen thematischen Einstieg bietet den Schülerinnen und Schülern ein Berufsinteressenfragebogen, der wahlweise in einer Text- oder Bild-Text-Variante vorliegt. Für die eintägige Variante der weiterentwickelten Potenzialanalyse wurden die bewährten Übungen hinsichtlich Sprach- und Kultursensibilität geprüft und überarbeitet und neue hinzugenommen, sodass die Übungen entsprechend der Bedarfe der Schülergruppe zusammengestellt werden können. Die sechs handlungsorientierten Übungen am Tag eins werden weiterhin in Anlehnung an die Assessment-Center-Methode standardisiert beobachtet. Dabei können die Schülerinnen und Schüler jedoch nicht alle Ressourcen, Erfahrungen und Stärken, z. B. Mehrsprachigkeit, interkulturelle Kompetenzen oder berufliche Vorerfahrungen, einbringen. Die zweitägige Variante beinhaltet deshalb interkulturelle sowie an der Biografie orientierte Übungen. Dieser doppelte Ansatz macht auch Jugendlichen mit brüchigen Schul­biografien ihre Stärken und Talente bewusst und ermutigt sie zur Auseinandersetzung mit beruflichen Perspektiven.

Bei den interaktiven Übungen, wie z. B. einer gespielten Verkaufssituation auf dem Markt, dem Überprüfen eines Warenbestands oder dem Aufbau eines Regals, lernen die Jugendlichen ihre Kompetenzen im Umgang mit Zahlen, ihr räumliches Vorstellungsvermögen und ihre motorischen Fähigkeiten kennen. Empathie, Belastbarkeit sowie Hilfs- und Kooperationsbereitschaft stehen bei „Ein Notfall“ im Vordergrund, einem simulierten Erste-Hilfe-Einsatz, bei dem ein Schüler, der sich beim Skateboardfahren verletzt hat, beruhigt und medizinisch versorgt werden muss. Ihrer Kreativität können die Schülerinnen und Schüler bei der Neugestaltung eines fiktiven Hauses und der Erstellung eines dreidimensionalen Kunstwerks freien Lauf lassen. Je nach Schulform können die Übungen zum Teil vom Niveau her differenziert werden.

Alle Übungen sind so ausgestaltet, dass sie auch mit geringen deutschen Sprachkenntnissen zu bewältigen sind. Dafür ist für zwei Übungen je eine weniger sprachintensive Alternativübung entwickelt worden: „Sprachlos“ und „Geschäft“. Dass die Potenzialanalyse nicht nur sprach-, sondern auch kultursensibel weiterentwickelt wurde, bedeutet zum Beispiel, dass unsere Gesellschaft in den Übungen realistisch als heterogen bzw. multikulturell dargestellt wird. So haben die Entwickler gemeinsam mit den Kooperationspartnern zum Beispiel jede Illustration in dem Handbuch mit Bedacht ausgewählt. Kleidungsstile, Haar- und Hautfarbe, Alter, Geschlecht der Dargestellten – alles spielt unterschwellig eine wichtige Rolle. Um das Verfahren kultur- und auch erfahrungssensibel auszurichten, hat die Projektgruppe auch Menschen aus Syrien und eine Trauma-Pädagogin einbezogen.

Brückenschlag zur Berufswahl
 

Bei der zweitägigen Potenzialanalyse folgt auf die Übungsmodule am zweiten Tag ein „Kulturspiel“. Während bei den Übungen am Tag zuvor beobachtet worden ist, welche definierten Erwartungen der Jugendliche erfüllt hat, stehen hier die Person und deren interkulturelle Fähigkeiten im Mittelpunkt. In einer weiteren Übung geht es darum, eine „Kompetenzbilanz“ zu erstellen. Dieses biografieorientierte Verfahren verdeutlicht den Jugendlichen anhand von selbst ausgewählten Fotokarten ihre bisherigen Erfahrungen und Kompetenzen, die sie im schulischen oder informellen Bereich erworben haben – mitunter mit Aha-Effekten – wie Ezgi Yildiz, Bereichsleiterin für Schulprojekte in der Wirtschaftsschule Paykowski (WIPA) Düsseldorf, die die überarbeitete Poten­zialanalyse federführend als Träger in Düsseldorf durchführt, berichtet. Gerade bei Schülerinnen und Schülern mit Fluchthintergrund kommt oft Erstaunliches zutage. Nicht selten haben diese Jugendlichen schon in jungen Jahren, etwa bei Verlust oder Krankheit der Eltern, die Rolle des Ernährers und Versorgers der Familie übernommen, indem sie etwa Autos repariert, Menschen gepflegt, Waren verkauft haben usw. „Die Schülerinnen und Schüler sind sich ihrer Fähigkeiten und Potenziale zum Teil gar nicht bewusst und erleben und entdecken ihre Fähigkeiten an diesem Tag“, sagt Ezgi Yildiz.

Der nächste Schritt besteht dann darin, gemeinsam mit den Jugendlichen zu überlegen, wie diese Kompetenzen in der Arbeitswelt eingesetzt werden können. „Das ist noch keine Berufswahl, aber ein wichtiger Brückenschlag“, sagt Petra Lippegaus-Grünau. Darauf folgt dann die individuelle Beratung, die vermittelt, welche Kompetenzen sichtbar geworden sind und wie sie eingesetzt werden können.

„Dieses biografieorientierte Verfahren ist das Kernelement, das die Potenzialanalyse für KAoA-kompakt gänzlich anders macht als die klassische Potenzialanalyse“, stellt Gregor Nachtwey fest.

Das umfangreiche Handbuch zur Potenzialanalyse enthält einen konzeptionellen Teil, einen Teil mit den konzipierten Übungen sowie alle zur Durchführung benötigten Unterlagen und Hintergrundinformationen. Jede Übung enthält Anleitungen für Beobachter und Teilnehmer und ggf. auch für Rollenspieler sowie eine Übersicht über alle benötigten Materialien. Illustrationen und Piktogramme veranschaulichen insbesondere Jugendlichen mit geringen deutschen Sprachkenntnissen die Aufgabenstellung der jeweiligen Übung. Außerdem ist ein Wörterbuch mit Erklärungen in einfacher Sprache und Bildern beigefügt, das einen Grundwortschatz für die jeweilige Übung zur Verfügung stellt.

Durch KAoA-kompakt durchliefen seit März in Düsseldorf bereits über 500 neu zugewanderte Jugendliche die weiterentwickelte Düsseldorfer Potenzialanalyse. Insgesamt nahmen in Düsseldorf neun Berufskollegs mit Internationalen Förderklassen und zwölf allgemeinbildende Schulen im Schuljahr 2016/17 an KAoA-kompakt teil. Hier zeigte sich einerseits, dass die überarbeiteten Übungen und die neuen Verfahren gut ankamen und sehr geeignet sind. Andererseits erwies sich, dass die Qualität der Düsseldorfer Potenzialanalyse in hohem Maße abhängig ist von der Qualität der Anleitung und der Umsetzung der Übungen. Die beteiligten Fachkräfte sind in doppelter Weise gefordert: als Beobachter und als pädagogische Fachkräfte, die den Teilnehmenden Orientierung und Transparenz bieten, sie durch die Übung leiten und so die Kompetenzentwicklung unterstützen.

Die Kompetenzen und die dazugehörigen Merkmale und Indikatoren, die die vorab geschulten Beobachterinnen und Beobachter in den handlungsorientierten Übungen des ersten Tages beobachten sollen, sind in Profilen dargestellt. Kompetenzen, die es bei der Übung „Verkaufen“ zu beobachten gilt, sind etwa Eigeninitiative, Kontaktfähigkeit, Überzeugungsvermögen, Informationskompetenz, rechnerisches Denken und Planungskompetenz.

Den Beobachtern kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Sie machen Notizen und füllen Bewertungsbögen für die einzelnen Übungen aus, führen eine Beob­achterkonferenz durch und fassen die Ergebnisse, auf deren Grundlage dann ein Zertifikat erstellt wird, in einem Auswertungstool zusammen. Die am zweiten Tag der Potenzialanalyse eingesetzten Verfahren hingegen machen offene und teilnehmende Beobachtungen erforderlich. „Die Rolle der Beobachter ist eine ganz andere. Während sie sich sonst zurücknehmen sollen, sollen sie beim bio­grafiebasierten Verfahren den Prozess der Auseinandersetzung aktiv unterstützen. Sie sollen ermutigen, Stichwort Empowerment, helfen, die eigenen Stärken zu erkennen, also eine sehr viel stärker pädagogische Rolle einnehmen“, erläutert Petra Lippegaus-Grünau.

Ezgi Yildiz bestätigt dies: „Die Schülerinnen und Schüler müssen bei einzelnen Aufgaben ermutigt und bestärkt werden, dass sie sich, unabhängig von geschlechtsspezifischen Rollenerwartungen, auf die Übungen einlassen.” Dies geschehe vor allem bei Übungen wie Regalaufbau oder der Kreativübung ,Ein neues Haus‘.

Nicht zu unterschätzende Faktoren, die den Ablauf und letztendlich auch die Ergebnisse der Potenzialanalyse beeinflussen, sind das Umfeld und die Atmosphäre, in der sie stattfindet. Der Raum soll nicht mit den Leistungszielen, die in der Schule im Vordergrund stehen, in Verbindung gebracht werden, nicht mit dem Benotungssystem und auch nicht mit den aus dem Schulalltag bekannten Lehrerinnen und Lehrern. Das Prinzip ist also: Die Potenzialanalyse findet außerhalb der Schule statt und wird von qualifizierten Beob­achtern durchgeführt, die die Schülerinnen und Schüler nicht kennen. „Eine offene und warmherzige Begrüßung ist grundlegend für einen positiven Start in den Tag, gleichzeitig müssen die Beobachterinnen und Beobachter Vertrauen aufbauen, nur so öffnen sich die Jugendlichen“, sagt Ezgi Yildiz.

Träger als wichtige Partner
 

Für Gregor Nachtwey sind die Träger denn auch besonders wichtige Partner in der „Akteursgemeinschaft KAoA“. In Düsseldorf werden 4.500 Potenzialanalysen in Klasse 8 von insgesamt vier Bildungsträgern umgesetzt, hinzu kommen die Berufsfelderkundungen, von denen ein Viertel von Bildungsträgern durchgeführt werden. Daran beteiligt sind innerhalb Düsseldorfs drei der vier Träger. Die Zeitkorridore zur Durchführung sind durch die hohe Fallzahl sehr eng.
Als KAoA-kompakt dazukam, sei man froh gewesen, mit der Wirtschaftsschule Paykowski (WIPA) Düsseldorf einen leistungsstarken Träger-Partner einbinden zu können, der, in Kooperation mit dem AWO-BBZ und dem BZB Düsseldorf, noch flexibel genug war, die Kapazitäten und Räume bereitzustellen, berichtet Gregor Nachtwey.

Mit der Fertigstellung des Handbuchs endete für die Partner Vodafone Stiftung und Petra Lippegaus-Grünau die Projektarbeit. Die Arbeit an der Düsseldorfer Potenzialanalyse ist aber ein kontinuierlicher Prozess, bei dem nun u. a. ein Qualifizierungskonzept erarbeitet und zur Umsetzung organisiert werden muss. Für Gregor Nachtwey und sein Team der Kommunalen Koordinierungsstelle stellt das eine große Herausforderung dar, wobei man immer auch die Kommunen im Blick habe, die die in Düsseldorf (weiter-)entwickelten Elemente dann übernehmen könnten. Auch Petra Lippegaus-Grünau sieht darin eine bedeutende Aufgabe. Eine wichtige Erkenntnis aus der Erprobung der weiterentwickelten Potenzialanalyse sei, dass eine Qualifizierung für die Beobachter entwickelt und angeboten werden müsse, die u. a. deren doppelte Rolle – zurückgenommen am ersten Tag, unterstützend und ermutigend am zweiten Tag – aufgreife. Die Frage sei auch, wie es nach der Potenzialanalyse weitergehe. Für Petra Lippegaus-Grünau ist eine Einbindung der Potenzialanalyse und ihrer Ergebnisse in Prozessketten und individuelle Förderung unbedingt notwendig. „Das muss auf kommunaler Ebene unter Einbindung der relevanten Akteure sichergestellt werden und ist eine wichtige Aufgabe der Zukunft“, stellt sie dazu dar.

Für die Landeshauptstadt Düsseldorf jedenfalls – und da sind sich Ingeborg Barnikol-Demirok und Gregor Nachtwey einig – hat sich die Projektarbeit mehr als gelohnt. Man habe nicht nur an der inhaltlichen Ausgestaltung eines wichtigen Bausteins von KAoA mitwirken können, sondern auch eine solide Basis für eine zukünftige enge Zusammenarbeit zwischen dem KI und der Kommunalen Koordinierung gelegt, bei der es darum gehe, auch weitere Standards aus KAoA gemeinsam migrationssensibel auszurichten.


Weitere Informationen:

Die Düsseldorfer Potenzialanalyse
Veröffentlichung auf der Homepage der Kommunalen Koordinierung Düsseldorf auf: www.kommunale-koordinierung.com/potenzialanalyse/

Handbuch zur Düsseldorfer Potenzialanalyse
Das Handbuch umfasst ca. 350 Seiten und enthält das Konzept, die theoretischen Hintergründe und Ziele sowie alle für die Durchführung der Übungen notwendigen Unterlagen. Eine Leseprobe als PDF-Datei ist online verfügbar unter: https://www. www.potenzialanalyse.vodafone-stiftung.de


1 Prof. Dr. Petra Lippegaus-Grünau ist mittlerweile an der SRH Hochschule Hamm tätig.

Kontakte

Kommunale Koordinierung – Landeshauptstadt Düsseldorf
Schulverwaltungsamt – Kein Abschluss ohne Anschluss
Bertha-von-Suttner-Platz 3
40227 Düsseldorf
Gregor Nachtwey
Tel.: 0211 89-96310
info@kommunale-koordinierung.com
www.kommunale-koordinierung.com

Kommunales Integrationszentrum
Bertha-von-Suttner-Platz 3
40227 Düsseldorf
Ingeborg Barnikol-Demirok
Tel.: 0211 89-24061
ki@duesseldorf.de
https://www.duesseldorf.de/soziales/kib.html

Wissenschaftliche Leitung
SRH Hochschule Hamm
Institut für Sozialwissenschaft
Platz der Deutschen Einheit 1
59065 Hamm
Prof. Dr. Petra Lippegaus-Grünau
Tel.: 02381 9291-505
petra.lippegaus-gruenau@srh.de

Vodafone Stiftung Deutschland gGmbH
Ferdinand-Braun-Platz 1
40549 Düsseldorf
Dr. Johanna Börsch-Supan
j.boersch-supan@vodafone.com

Wirtschaftsschule Paykowski (WIPA)
Ackerstraße 3
40233 Düsseldorf
Ezgi Yildiz
Tel.: 0211 355940114
yildiz@wipa.de

Schulleiter Gemeinschaftshauptschule Bernburger Straße
Bernburger Straße 44
40229 Düsseldorf
Klaus-Peter Vogel
Tel.: 0211 89-97660
klauspeter.vogel@schule.duesseldorf.de

Ansprechpartner in der G.I.B.

Sören Ellerbeck
Tel.: 02041 767171
s.ellerbeck@gib.nrw.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de
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