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(Heft 4/2017)
Flankierende Landesförderung des Bundesprogramms „Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt” in Köln und Unna kreativ umgesetzt

Im Interesse des Gemeinwohls und aller Einzelnen

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales unterstützt mit dem Programm „Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt“ bundesweit langzeitarbeitslose Menschen durch öffentlich geförderte Beschäftigung und konzentriert sich dabei auf zwei Gruppen: Ein Förderschwerpunkt liegt auf Leistungsberechtigten, die wegen gesundheitlicher Einschränkungen besonderer Förderung bedürfen. Eine weitere Zielgruppe sind Bedarfsgemeinschaften mit Kindern.

Das Bundesprogramm wird durch die Jobcenter vor Ort umgesetzt. Gefördert werden zusätzliche, wettbewerbsneutrale und im öffentlichen Interesse liegende sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse. Die Förderung je Arbeitsplatz beträgt bis zu 1.370 Euro pro Monat. Da geförderte Arbeitsplätze alleine nicht ausreichen, flankiert die Landesregierung NRW das Programm durch die Förderung ergänzender Maßnahmen zur Aktivierung, Begleitung und Qualifizierung – in diesem Jahr für 3.328 Teilnehmende bei 22 Jobcentern. Wie kreativ die regionalen Verantwortlichen bei der Programmumsetzung sind, zeigen die Jobcenter Kreis Unna und Köln.

Sie müssen „zusätzlich“ und „wettbewerbsneutral“ sein und „im öffentlichen Interesse“ liegen, die öffentlich geförderten Jobs für Langzeitarbeitslose. Das ist Fördervoraussetzung im Programm „Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt“. Keine leichte Aufgabe also für Jobcenter, in Kooperation mit Arbeitgebern solche Arbeitsplätze zu schaffen. Doch dem Jobcenter Kreis Unna ist das in rund 700 Fällen gelungen. Mehr noch: Die Verantwortlichen hier haben gemeinsam mit Trägern 150 Stellenprofile entwickelt, die nicht nur den Programmvorgaben genügen, sondern auch attraktiv für Langzeitarbeitslose der genannten Zielgruppen sind.

Kreative Stellenprofile
 

Da ist zum Beispiel das Stellenprofil der „Ruhrtal-Ranger“. Sie achten auf den guten Zustand des Ruhrtalradwegs. Die abwechslungsreiche Route soll die touris­tische Attraktivität der Ruhr-Kommunen steigern und zieht jährlich Tausende Radfahrer an. Akute Wartungsbedarfe melden Ruhrtal-Ranger unverzüglich dem Baubetriebshof der Stadt. Darüber hinaus helfen sie bei Fahrradpannen und fungieren im Winter als Lotsen für Touristen, die Übernachtungsmöglichkeiten suchen oder die örtlichen Sehenswürdigkeiten erkunden.

Nicht minder originell ist das Stellenprofil der „Sozialbegleiter“ in der Seniorenhilfe. Keineswegs als Ersatz für professionelles Pflegepersonal gedacht, bieten sie zusätzliche Hilfs- und Betreuungsangebote in Seniorenzentren und Wohnstätten für betagte Menschen mit unterschiedlichen Handicaps. „Sie“, sagt Ute Brüggenhorst, im Jobcenter Kreis Unna zuständig für die Entwicklung und Koordination von Eingliederungsleistungen, „übernehmen Aufgaben, die sonst Angehörigen zufallen. Da diese nicht ständig zur Verfügung stehen, sind die Teilnehmenden gern gesehene Helfer, die sich auch für die kleinen Dinge im Leben Zeit nehmen.“

Drittes Beispiel: die „Energiecoachs“. Sie beraten Arbeitslosengeld II-Empfänger, SGB XII-Leistungsempfänger sowie Flüchtlinge im Hinblick auf einen sparsamen Energieverbrauch. Ute Brüggenhorst: „Damit leisten sie langfristig einen Beitrag zur individuellen Schuldenprävention, zu gesteigertem Umweltbewusstsein und somit einen Beitrag zum Allgemeinwohl. Zudem führt die Tätigkeit schließlich auch zu einer anteiligen Reduzierung der Kosten der Unterkunft für den Kreis Unna.“

Rund 150 solcher Stellenprofile hat ein Akquisiteur des Jobcenters gemeinsam mit interessierten Trägern entwickelt. Kleine Berufsbilder quasi, die exakt den vorgeschriebenen Programmkriterien entsprechen. Zu berücksichtigen waren darüber hinaus die Interessen der potentiellen Arbeitgeber sowie die Fähigkeiten der Langzeitarbeitslosen. Ute Brüggenhorst: „Es nutzt nichts, ein Stellenprofil zu entwickeln, für das wir in unserem Jobcenter keine Kundinnen oder Kunden haben.“ Kreiert wurden so – neben den bereits genannten – Stellenprofile mit Bezeichnungen wie „Careman“ und „Carewoman“, „Landschaftspflege Naturschutz“ oder „Medienhilfe in der Bücherei“.

Eingepflegt wurden die Stellenbeschreibungen, inklusive Anforderungsprofil, in eine eigens dafür geschaffene Datenbank, auf die jede Vermittlerin und jeder Vermittler im Jobcenter zugreifen kann – eine komfortable Vermittlungsbörse, die hilft, für jeden Einzelnen, der länger als vier Jahre arbeitslos ist, das passende Angebot zu finden.

Fachliche und soziale Anleiter vor Ort
 

Als hilfreich bei der Umsetzung des Programms erwies sich die flankierende Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen. Zu ihr zählen vor allem die Aktivierung, Begleitung und Qualifizierung der Teilnehmenden. Sie können so zu einer verantwortungsvollen Erfüllung ihrer betrieblichen Aufgaben angeleitet oder durch begleitendes Coaching bei der Lösung aufkommender Konflikte unterstützt werden. Um das Beschäftigungsverhältnis zu stärken oder die Möglichkeiten für den Übergang in eine ungeförderte Beschäftigung zu verbessern, können auch Qualifizierungen durchgeführt werden: Vom Erwerb des Staplerscheins über den Besuch von EDV-Kursen bis hin zu Telefontrainings ist alles möglich.

Ein beschäftigungsbegleitendes Coaching indes gab es im Kreis Unna bereits, so Ute Brüggenhorst, „finanziert aus unserem Eingliederungsbudget.“ Also entschieden sich die Verantwortlichen für die zusätzliche Installation eines Advisers, einer Kombination aus fachlichem und sozialem Anleiter, der sowohl dem neuen Beschäftigten als auch dem Coach und dem Jobcenter jederzeit als Ansprechpartner zur Verfügung steht.

Der vom Land geförderte Adviser – meist ein Angestellter des Arbeitgebers – bindet die neuen Beschäftigten in die Teamstruktur und die Kommunikation am Arbeitsplatz ein. Er unterstützt ihn beim vorausschauenden Planen des Arbeitspensums und bei der Strukturierung der Arbeitsabläufe genauso wie bei der Herausbildung von beruflicher Disziplin, Durchhaltevermögen und Eigeninitiative. Informationen zu Problemen, die nicht am Arbeitsplatz zu lösen sind, wie Schulden zum Beispiel, Sucht oder die Notwendigkeit einer psychosozialen Begleitung, leitet er unverzüglich an Coach und Jobcenter weiter. Regelmäßige Feedback-Gespräche, die Dokumentation der Kompetenzfortschritte und die Erstellung eines (Zwischen-)Zeugnisses komplettieren das Aufgabenspektrum des Advisers.

Gegen Ende der Förderlaufzeit kommen für die Langzeitarbeitslosen vielleicht eine Kurzqualifizierung, eine Weiterbildung oder gar eine Umschulung in Betracht, denn oberstes Ziel ist und bleibt die anschließende Integration in den ers­ten Arbeitsmarkt. Die Entscheidung über die konkrete Art der beruflichen Fortbildung wird jedenfalls gut begründet sein, ist Ute Brüggenhorst überzeugt, denn „bis dahin haben Coach und Adviser die Fähigkeiten, Interessen und Bedarfe der Langzeitarbeitslosen genauer kennengelernt und wissen also, welches Angebot für sie das richtige ist.“

Positive Resonanz
 

Erste Rückmeldungen sind durchweg positiv, sowohl seitens der Teilnehmenden wie auch der Arbeitgeber. Entsprechend niedrig ist mit zehn Prozent die bisherige Abbruchquote. Attraktivität und Erfolge des Programms haben sich auch unter den Arbeitslosen herumgesprochen. Ute Brüggenhorst: „Viele Kunden kommen jetzt zu ihrem Arbeitsvermittler und sagen: Mein Bekannter ist in diesem neuen Programm. Da möchte ich auch gerne mitmachen. Sie sind dann sehr enttäuscht, wenn sie erfahren, dass sie leider nicht die Kriterien erfüllen.“

Attraktiv am Programm finden Kunden des Jobcenters nicht nur die Entlohnung, sondern auch die flankierende Unterstützung des Landes, die positiv konnotierten Stellenbezeichnungen sowie die konkreten Tätigkeiten, die keineswegs Notlösungen sind. „Die Vielfalt der Stellenprofile“, ist Ute Brüggenhorst überzeugt, „ist ein wesentlicher Teil des Erfolgs. Solche Wahlmöglichkeiten wie hier haben Langzeitarbeitslose normalerweise nicht. So sind etwa die Arbeitsgelegenheiten auf wenige Bereiche fokussiert und selten an den Interessen von Frauen orientiert. Anders hier: Medienhilfe in der Bücherei – an so einem Job sind viele langzeitarbeitslose Frauen interessiert.“

Rund 20.050 Arbeitslose und Arbeitssuchende im Leistungsbezug SGB II gibt es im Kreis Unna. 6.115 von ihnen sind langzeitarbeitslos. Noch ist also viel zu tun im Kampf gegen Langzeitarbeitslosigkeit. Da ist das Programm „Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt“ mit seinen rund 700 Teilnehmenden sowie die flankierende Förderung des Landes NRW in den Augen von Ute Brüggenhorst „mehr als nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.“

Jobcenter Köln: Gesundheitsförderung für Langzeitarbeitslose
 

Mit innovativen Ideen beteiligt sich auch das Jobcenter Köln seit Ende 2015 an dem Bundesprogramm und nutzt dabei ebenfalls – wenn auch mit anderem Schwerpunkt – die flankierende Förderung des Landes. Insgesamt 365 Stellen hat das Jobcenter im Rahmen des Bundesprogramms geschaffen, hauptsächlich im handwerklichen und hauswirtschaftlichen Bereich, aber auch in der Textilverarbeitung sowie im Garten- und Landschaftsbau.

„Anders als manche sonstigen Drittmittelförderungen“, findet Projektleiterin Martina Griese lobende Worte für die flankierende Landesförderung, „ist sie sehr offen gestaltet. So konnten wir relativ frei planen und haben immer auch den Fokus auf das Hauptziel, nämlich diese Menschen wieder näher an Arbeit heranzuführen.“ Weil 87 Prozent der Teilnehmenden am Programm gesundheitliche Einschränkungen aufweisen, wollte sich das Jobcenter auf diese Teilgruppe konzentrieren.

Medizinische Statusfeststellung und professionelles Gesundheitscoaching
 

Ergebnis der Überlegungen ist ein Gesundheitscoaching, das – so steht es im Konzept – „zum Erhalt der Arbeitsfähigkeit beitragen, zur Verbesserung der Arbeitsfähigkeit führen, persönliche Erfolge messbar machen, das persönliche Wohlbefinden verbessern und das Selbstbewusstsein steigern soll“ – ein freiwilliges, zusätzliches Angebot, stellt Martina Griese klar, denn: „Zur Gesundheitsförderung kann man niemanden zwingen.“

Zunächst wurde allen infrage kommenden Teilnehmenden das Gesundheitscoaching vorgestellt. Ein Viertel von ihnen hat die Chance genutzt. Die Gründe für den Verzicht der anderen listet Martina Griese auf: mangelnde Zeitressourcen, fehlende Kinderbetreuung oder zu weite Wege: „Manche haben aber auch einfach Angst, sich mit dem Thema Gesundheit zu befassen, obwohl sie wissen, dass damit etwas nicht in Ordnung ist.“

Für diejenigen, die sich zur Teilnahme entschließen konnten, stand zunächst eine „medizinische Statusfeststellung“ auf dem Programm. Sie umfasste unter anderem einen Fitness-Check inklusive Belastungs-EKG und Lungenfunktionstest sowie eine „Klärung der psychischen Situation“. Auf Basis der Befunde wurde für jeden Einzelnen ein individueller Coachingplan erstellt, umgesetzt einmal monatlich in vier Stunden oder im wöchentlichen Rhythmus – und alles unter fachlicher Aufsicht einer ausgebildeten Tanz- und Sportpädagogin mit langjähriger Berufserfahrung.

Für manche, stellte sich heraus, genügten Kraft- und Ausdauertraining, für andere boten sich Entspannungsmethoden und Rückenschulungen an. Weitere Coaching-Inhalte waren die „Organisation und Planung gesunder Ernährung“ sowie „SelfEmpowerment“. Martina Griese: „So lernen die Teilnehmenden, selbstbewusster als bisher aufzutreten und sich zukünftig am Arbeitsmarkt zu behaupten.“

Hinzukommen könnten schon bald neue Sportarten wie das Bouldern in der Kletterhalle, aber immer in Abhängigkeit vom gesundheitsfördernden Bedarf wie auch unter Berücksichtigung der Interessen der Teilnehmenden. „Unter ihnen auch einige Malerhelfer“, so Martina Griese,  „die Nordic Walking und Entspannungstraining überflüssig finden. Für sie haben wir an einen Boxkurs gedacht, der aber nicht von der Tanzlehrerin geleitet wird.“

Ein Teil der gesundheitsfördernden Aktivitäten findet in den Räumen der Arbeitgeber statt, die das Gesundheitscoaching ausnahmslos unterstützen. Martina Griese: „Einige von ihnen halten das Angebot für so wichtig, dass sie ihre Beschäftigten für einen Vormittag im Monat von der Arbeit freistellen, damit sie am Angebot teilnehmen können.“

Weitere Optimierung
 

Nach etwa einem dreiviertel Jahr und dann noch mal zum Ende des Programms wird die medizinische Statusfeststellung wiederholt, „damit die Teilnehmenden auch Fortschritte erkennen und sehen, dass sie tatsächlich viel fitter geworden sind.“

Aber auch heute schon zeigen sich die meisten sehr zufrieden, spüren die positiven Auswirkungen ihres Engagements. Martina Griese: „Sie finden es gut, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes gemeinsam mit anderen in der Gruppe etwas bewegen. Aber auch die Träger berichten von einer steigenden Motivation ihrer Beschäftigten.“

Trotzdem will das Jobcenter sein Konzept weiter optimieren. Das betrifft zum einen die zeitliche Organisation, aber auch die Frage, wie sich zukünftig mehr Teilnehmende für Gesundheitsförderung gewinnen lassen. Wirkungsvoll scheint hier eine Einzelberatung im Vorfeld zu sein. Martina Griese: „Manche Menschen tun sich schwer damit, in Gruppen etwas zu unternehmen. Sie sind vielleicht stressempfänglicher und brauchen eine ruhigere Umgebung etwa für autogenes Training. In der Einzelberatung können wir solche Personen leichter identifizieren. Über die jüngsten Einzelberatungen haben wir jedenfalls die Zahl der Teilnehmenden um die Hälfte aufstocken können.“ Idee und Erfolg des Kölner Gesundheitscoachings haben mittlerweile auch andere Jobcenter inspiriert. Eins von ihnen will schon im nächsten Jahr ein ähnliches Konzept realisieren.

Ansprechpartner in der G.I.B.

Roland Golding
Tel.: 02041 767243
r.golding@gib.nrw.de

Helmut Kleinen
Tel.: 02041 767208
h.kleinen@gib.nrw.de

Benedikt Willautzkat
Tel.: 02041 767204
b.willautzkat@gib.nrw.de

Kontakte

Jobcenter Kreis Unna
Ute Brüggenhorst
Tel.: 02303 25381061
Ute.Brueggenhorst@jobcenter-ge.de

Jobcenter Köln
Martina Griese
Tel.: 0221 94298676
martina.griese@jobcenter-ge.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@arcor.de

 

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