Sie sind hier: Startseite Heftarchiv 2017 Bekämpfung von Langzeitarbeitslosigkeit Mit „dosierter Überforderung“ in Richtung erster Arbeitsmarkt
(Heft 4/2017)
Das Programm „Öffentlich geförderte Beschäftigung NRW“ am Beispiel Essen und Neuss

Mit „dosierter Überforderung“ in Richtung erster Arbeitsmarkt

Seit 2012 existiert in NRW das Programm „Öffentlich geförderte Beschäftigung NRW“ (ÖgB). Finanziert aus Mitteln der Jobcenter, des Landes NRW (ESF-Mittel), der Kommunen und der Träger (Arbeitgeber) ist es mit dem Programm nicht nur möglich, langzeitarbeitslose Menschen für 24 Monate in ein sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis zu bringen, sie werden parallel durch Coaching und Qualifizierung auch für eine Vermittlung in den ersten Arbeitsmarkt fit gemacht. Rund 125 Projekte mit etwa 2.700 Teilnehmerplätzen in gemeinnützigen und öffentlichen Betrieben wurden seit der Modellförderphase 2012 – 2015 bisher gefördert. Zwei aktuelle, sehr unterschiedliche Projekte in Essen und im Rhein-Kreis Neuss haben wir besucht.

Die NEUE ARBEIT der Diakonie Essen gGmbH ist ein gemeinnütziger Träger mit rund 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Seit 1979 hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen zu helfen, die von Arbeitslosigkeit betroffen oder bedroht sind. Die Standorte der NEUE ARBEIT gGmbH, darunter zahlreiche Werkstätten und Service-Betriebe, sind über das gesamte Essener Stadtgebiet verteilt. Im Jahr 2013 rief die NEUE ARBEIT ein erstes ÖgB-Projekt ins Leben und hat seitdem immer wieder neue Projekte in einem breiten Spektrum von Arbeitsfeldern aufgesetzt.

Die gemeinnützige Beschäftigungsförderungsgesellschaft mbH Rhein-Kreis Neuss (BFG), mit Sitz im Technologiezentrum Glehn, zwischen Mönchengladbach und Neuss, hat sich im Gegensatz dazu mit seinen ÖgB-Stellen bisher auf ein Berufsfeld spezialisiert: soziale und pflegerische Berufe. Die 2008 gegründete BFG setzt ebenfalls seit 2013 ÖgB-Projekte um und arbeitet dabei zum Beispiel eng mit Pflegeheimen zusammen. Das aktuelle ÖgB-Projekt ist mit ‚Arbeit für Generationen (AfG)’ betitelt.

Coaching und Qualifizierung
 

Die NEUE ARBEIT hatte zuvor zahlreiche Arbeitsgelegenheiten (AGH) umgesetzt und suchte nach Anschlussmöglichkeiten für die Langzeitarbeitslosen. „Sie waren dann erprobt, brauchten aber noch Hilfestellung auf dem Weg in den allgemeinen Arbeitsmarkt“, sagt Dr. Uwe Conradt, der Fachbereichsleiter Beschäftigung. Durch die Möglichkeit, diese Menschen während einer Beschäftigung über 24 Monate zu coachen und zu qualifizieren, habe sich mit dem Landesprogramm ÖgB NRW eine grundsätzlich neue Fördermöglichkeit ergeben. Besonders der Zeitfaktor sei wichtig, um die Menschen auch tatsächlich vermitteln zu können. Ulrike Groth, Projektkoordinatorin bei der BFG, drückt es kurz und knapp so aus: „Die Förderdauer ist der Kern von allem. Eine Zusammenarbeit über zwei Jahre mit den Menschen ist einfach nachhaltig.“

Der maximale Förderzeitraum ist im Programm „Öffentlich geförderte Beschäftigung NRW“ mit 24 Monaten wesentlich länger als bei anderen Maßnahmen für Langzeitarbeitslose. Auch das begleitende Coaching wird über die komplette Zeitspanne gefördert. Es ist nach den Förderrichtlinien als eine „Kombination aus individueller Hilfe und persönlicher Beratung auf der Prozessebene“ definiert. Das bedeutet, dass der Coach insbesondere die Entwicklung eigener Lösungsvorschläge des Beschäftigten zur Stabilisierung und für eine nachhaltige Integration in den Arbeitsmarkt unterstützen soll. Seine Aufgabe ist es, die Fähigkeiten und Entwicklungspotenziale der Teilnehmenden herauszuarbeiten und daraus die jeweiligen Unterstützungsbedarfe sowie geeignete Qualifizierungsmaßnahmen abzuleiten. Eine Besonderheit dabei: das Coaching beginnt bereits drei Monate vor der Aufnahme der öffentlich geförderten Beschäftigung und kann danach bei Aufnahme einer sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung bis zu sechs Monate fortgesetzt werden, um die Integration zu stabilisieren. Als Betreuungsschlüssel für das Coaching legt die Förderrichtlinie ein Verhältnis von 1 zu 20 zugrunde.1

Die NEUE ARBEIT der Diakonie Essen setzt sowohl Einzel- als auch Gruppencoaching ein. Teambuilding, z. B. in der Großküche, kann ebenso dazu gehören wie Konfliktbewältigung innerhalb einer Arbeitsgruppe. Wichtig sei eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Anleiter und dem Coach, sagt Jessica Weiner, bei der NEUE ARBEIT gGmbH zuständig für Vermittlung und arbeitsmarktpolitische Projekte. Das drücke sich auch darin aus, dass der Coach räumlich den Arbeitsplätzen nahe sei, in der Großküche zum Beispiel in einem Büro direkt über der Küche. „Abbrüche vermeiden“ ist beim Coaching ein wichtiges Thema. Andere Probleme, die mithilfe des Coachs angegangen werden, sind Schulden, die Einrichtung eines Kontos, die Regelung von Abbuchungen wie etwa der Miete, die der Teilnehmende, wenn er sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist, selbst bezahlen muss, und viele andere Dinge. Dabei werden in Absprache mit dem Jobcenter auch kompetente externe Beratungsstellen zum Beispiel die Schuldnerberatung oder die soziale Beratung genutzt.

„Ich glaube, ohne Coaching gäbe es bereits in der ersten Woche sehr viele Abbrüche“, sagt Jessica Weiner. Besonders schwierig sei es für viele, sich nach zuvor oft mehrjähriger Arbeitslosigkeit neu zu organisieren, gerade dann, wenn neben der täglichen Arbeit eventuell noch Kinder zu versorgen oder Angehörige zu pflegen seien. Auch Ulrike Groth bei der BFG stellt fest, „dass die Hemmnisse, die eine Rolle spielen, so vielfältig wie massiv sind. Das Coaching muss sich da herantasten, es muss ein Vertrauensverhältnis entstehen und wachsen. Nur so gelingt es, dass die Teilnehmenden überhaupt über ihre Probleme sprechen.“

Die Coachs bei der NEUE ARBEIT gGmbH nutzen ein aus der eigenen Erfahrung in den ÖgB-Projekten entwickeltes Kompetenzerfassungssystem (KEAS). Das System erfasst den persönlichen Stand der Teilnehmenden zu verschiedenen Zeitpunkten aus eigener Sicht und aus der Außenperspektive. Es werden Fragebögen mit den Teilnehmenden abgearbeitet, die Antworten werden im System festgehalten und durch Anmerkungen der Anleiter ergänzt. Das hat dann z. B. Einfluss auf die individuelle Qualifizierungsplanung, die in einem Entwicklungsplan festgehalten wird, der auch Zielvereinbarungen enthält.

Auswahl der Teilnehmenden
 

Zielgruppe für die ÖgB-Projekte sind besonders benachteiligte Personen im SGB II. Die Auswahl für die Teilnahme an der ÖgB übernimmt das Jobcenter, wobei der ausgewählte Personenkreis bestimmte Kriterien erfüllen muss: Langzeitarbeitslosigkeit (im Sinne von
§ 18 SGB III), persönliche Vermittlungshemmnisse, die auch bei guter Wirtschaftslage und unter Einsatz bisheriger Förderleistungen keine unmittelbare Integration in ein reguläres sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis erwarten lassen, mittel- bis längerfris­tiges Entwicklungspotenzial.

Yvonne Preiß, Coach bei der BFG, macht deutlich, dass es sich bei den Menschen in dem BFG-Projekt um Langzeitarbeitslose im wahrsten Wortsinn handelt. „Das sind Menschen“, weiß Yvonne Preiß, „die aus den unterschiedlichsten Gründen viele Jahre nicht mehr am Arbeitsmarkt teilgenommen haben, wegen gesundheitlicher oder persönlicher Probleme, aber auch weil sie Angehörige gepflegt oder sich der Kindererziehung gewidmet haben.“ Außerdem befänden sich in dem BFG-Projekt auch viele Alleinerziehende und Menschen, die älter als 48 Jahre alt sind.

Für Dr. Uwe Conradt ist ein Kriterium für die Auswahl der Teilnehmenden entscheidend: „Wir möchten die Menschen in ÖgB haben, die motiviert sind – vor allen Dingen motiviert, auch in den Vermittlungsprozess einzusteigen.“ Viele wollen zwar arbeiten, aber beim ihnen vertrauten Träger bleiben. Den Ablösungsprozess im Rahmen der ÖgB zu organisieren, sei – besonders im letzten halben Jahr – denn auch eine wichtige Aufgabe des Coachings.

Als eine weitere Schlüsselqualifikation sieht Dr. Uwe Conradt Zuverlässigkeit an, auch weil der Träger bei ÖgB einen 25-prozentigen Eigenanteil der Lohnkosten finanzieren müsse. „Der muss erwirtschaftet werden. Es muss also zuverlässig und auch mit einer entsprechenden Leistung gearbeitet werden.“

Die Tätigkeiten, 30 bis 39 Stunden pro Woche, befänden sich sehr nah am allgemeinen Arbeitsmarkt. Man simuliere keine Arbeit, sondern arbeite genauso wie in jedem anderen Betrieb. Die Anforderungen, zum Beispiel in der Großküche – die übrigens für ihre gute Qualität ausgezeichnet ist –, unterschieden sich kaum von denen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Andererseits biete man in den eigenen Zweckbetrieben der NEUE ARBEIT gGmbH immer noch einen geschützten Raum, der es, wenn die Belastbarkeit des Menschen überschritten werde, möglich mache, zu reagieren und die Belastung zurückzufahren. „Diese ‚Luft‘ haben wir im Gegensatz zu einem privatwirtschaftlichen Betrieb einfach. Letztendlich muss man sich mit der Belastbarkeit und den Anforderungen aber langsam und schrittweise auf den allgemeinen Arbeitsmarkt hinbewegen – das ist eines der wichtigsten Ziele.“ Schnelligkeit, handwerkliche Fähigkeiten, Aushalten von Kritik, Flexibilität, Teamwork nennt Dr. Uwe Conradt als wichtige Felder, an denen mit den Teilnehmenden gearbeitet werden müsse, weil sie in der freien Wirtschaft gefordert seien.

Beide Träger, die NEUE ARBEIT gGmbH und die BFG, unterstützen die Jobcenter bei der Auswahl der Personen insofern, als sie den Integrationsfachkräften Tätigkeitsprofile zu den angebotenen ÖgB-Stellen zur Verfügung stellen. Es ist dem Jobcenter also vorab genau bekannt, für welches Beschäftigungsfeld, welche Personen gesucht werden.

„Das Jobcenter macht entsprechende Vorschläge. Die Personen kommen zu uns und führen Gespräche mit den Coachs“, schildert Jessica Weiner das weitere Verfahren bei der NEUE ARBEIT gGmbH. Regie führe der Mensch, der komme, aber selbst. Niemandem werde ein bestimmtes Arbeitsfeld aufgedrängt.

Die BFG wendet ein kombiniertes Auswahlverfahren an. Zunächst organisiert sie Info-Veranstaltungen, zu denen die Integrationskräfte der Jobcenter ausgewählte Personen einladen. Darauf folgen dann Einzelgespräche mit den Interessierten. Dabei erstellt die BFG persönliche Profile, die zusammen mit den Stellenprofilen als Grundlage für den Matching-Prozess dienen, den die BFG anschließend durchführt. Dann werden gemeinsam mit dem Interessenten Bewerbungsunterlagen erstellt. In Vorstellungsgesprächen bei den zukünftigen Arbeitgebern, findet im nächsten Schritt die Auswahl der Bewerber statt, die zu einem bis zu zweiwöchigen Probearbeiten eingeladen werden. Wenn man in dieser Zeit feststellt, dass Stelle und Person zueinander passen, wird abschließend der Arbeitsvertrag geschlossen.

BFG: Arbeitsfeld „Versorgung von Seniorinnen und Senioren“
 

Die BFG stellt im Gegensatz zur NEUE ARBEIT gGmbH nur ungefähr ein Viertel der ÖgB-Stellen selbst bereit und zwar ausschließlich als Alltagshelfer und -helferinnen im Senioren-Service. Die meisten vermittelten ÖgB-Stellen befinden sich also bei externen Unternehmen, Seniorenheimen und Krankenhäusern beispielsweise. Hier sind über die Jahre Kontakte entstanden, die häufig genutzt werden können, um eine spätere Weiterbeschäftigung möglichst früh in den Blick zu nehmen. Per Kooperationsvertrag sorgt die BFG dafür, dass z. B. Freistellungen für Qualifizierungen und Coaching klar geregelt sind und der Umgang mit den ÖgB-Mitarbeitern geschützt bleibt. Bei Problemen fungiert der Coach nicht nur als Ansprechpartner für die ÖgB-Kraft, sondern auch als Ansprechpartner für den Arbeitgeber.

Bei der NEUE ARBEIT gGmbH führt noch ein weiterer Weg in die ÖgB-Stellen, und zwar über die AGHs. Schlagen die Fachkräfte, die die Menschen in den AGHs begleiten, sie für die ÖgB vor, starten die Coachs mit ihnen ein Bewerbungsverfahren für eine Stelle. Wichtig ist auch hier wieder die bewusste Entscheidung des Teilnehmenden für das Coaching, die Qualifizierung und Vermittlung. Für viele Menschen der Zielgruppe keine einfache Entscheidung. Denn es ist nicht selten, dass für sie z. B. Schulsituationen mit Ängsten verbunden sind. Sie müssten aber bereit sein, an diesen Ängsten mit einem Coach zu arbeiten, verdeutlicht Jessica Weiner. Schulungen würden dann z. B. individuell geplant, zur Not auch anfangs hausintern in kleinem Rahmen. Im Laufe der Zeit steige dann oft das Selbstbewusstsein, sodass auch größere externe Qualifizierungen möglich würden.

Qualifizierungen sieht das Förderprogramm ausdrücklich vor, um das Beschäftigungsverhältnis zu stabilisieren und/oder die Chancen für den Übergang in eine ungeförderte Beschäftigung zu verbessern. Dabei müssen berufliche und persönliche Kompetenzen, aber auch die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt in Einklang gebracht werden. Von Qualifizierungen in praktischen Tätigkeiten, wie dem Stapler- oder Führerschein, wichtig im Garten- und Landschaftsbau, Hygiene-Schulungen, obligatorisch in der Küche und Lebensmittelbranche, über EDV-Kurse, Telefontrainings, Schulungen in berufsbezogenem Deutsch bis zu Trainings zur Gesundheitsvorsorge und Konfliktbewältigung ist vieles möglich.

NEUE ARBEIT gGmbH: Vielfältige Arbeitsbereiche
 

Die Arbeitsfelder, in denen die NEUE ARBEIT gGmbH ÖgB-Stellen anbietet, sind vielfältig. Am größten Standort der NEUE ARBEIT gGmbH, dem Zentrum für Beschäftigung an der Langemarckstraße im Essener Osten, findet sich unter anderem eine Fahrradwerkstatt (2 ÖgB-Plätze), ein Wäscherei- und ein Bügelservice (4), eine Großküche (13), ein Lager-/Logistikbereich (2), ein Haustechnik- (7) und ein Kreativbereich (3) u. a. mit Druckerei und Holzwerkstatt.

In der Großküche auf dem Gelände des Essener Großmarktes werden unter professionellen Bedingungen täglich 2.800 Essen gekocht. Ein Großteil wird an Kindergärten und Schulen ausgeliefert. Wie in anderen Bereichen auch gibt es in der Großküche eine Kombination von Arbeitsmarktprojekten. Neben den ÖgB-Stellen mit erhöhten Arbeitsanforderungen finden sich auch niederschwellige Tätigkeiten peripher zur Produktion, die von AGH-Kräften wahrgenommen werden.

Auch die große Fahrradwerkstatt im Zentrum für Beschäftigung bietet ein breites Tätigkeitsfeld, vom Aufbereiten von gebrauchten Rädern bis zur Reparatur und der Beratung der Kunden.

An ihren anderen Standorten im Essener Stadtgebiet bietet die NEUE ARBEIT gGmbH weitere ÖgB-Stellen an. Darunter ist in Essen-Werden wohl eines der ungewöhnlichsten ÖgB-Arbeitsfelder: eine Oldtimer-Werkstatt, die sich auf alte Citroen- und Peugeot-Modelle spezialisiert hat. „Für uns ist immer wichtig, dass die Beschäftigungsfelder dieses breite Spektrum aufweisen: Tätigkeiten mit sehr geringen Anforderungen zum Einstieg bis zu Tätigkeiten mit höheren Anforderungen, damit wir jeden individuell fördern können“, sagt Dr. Uwe Conradt. Gerade die Oldtimer-Werkstatt, in der noch sehr viel Handarbeit gefragt sei – Schweißen, Bleche biegen, Sitze polstern usw. –, komme darüber hinaus den in der Regel schon etwas älteren Teilnehmenden der ÖgB-Projekte entgegen.

Die von der BFG angebotenen ÖgB-Stellen befinden sich größtenteils im Bereich „Versorgung von Seniorinnen und Senioren“ und in Krankenhäusern (Stationshelfer)-Arbeitsfelder also, die eine gute Perspektiven für den Einstieg in einen sicheren Job bieten. „In der Pflege herrscht ein großer Fachkräftemangel. Die Arbeitgeber sind daher vom Grundsatz interessiert, Menschen in diese Richtung zu entwickeln“, verdeutlicht Ulrike Groth. In verschiedenen Häusern seien zu den Pflegekräften zum Beispiel in den letzten Jahren Betreuungskräfte kombiniert worden, die dann überwiegend Beschäftigungsangebote für die Senioren machen. Auch die Funktion von Service- und Präsenzkräften, die z. B. Tische eindecken, die Menschen begleiten, beim Essen behilflich sind, könnten ÖgB-Kräfte übernehmen. „Diese Kräfte werden in vielen Häusern gebraucht, denn auch sie entlasten die Pflegekräfte.“

Arbeiten unter realistischen Bedingungen
 

Durch die begleitende Qualifizierung, könnten die ÖgB-Kräfte dann z. B. den Abschluss als „zertifizierte Betreuungskraft“ machen und wiesen bei Auslaufen der Förderung schon ein gutes Maß an Berufserfahrung vor. „Diesen Weg halte ich für besonders sinnvoll, denn die Menschen arbeiten von Anfang an unter realistischen Bedingungen“, macht Ulrike Groth deutlich. Sie spricht in diesem Zusammenhang von dosierter Überforderung, ein Begriff aus der Berufspädagogik. „Natürlich gibt es in wenigen Einzelfällen in ÖgB-Stellen auch „Überforderungssituationen“, die zu Abbrüchen führen, doch das Gefühl, selbst gebraucht zu werden, auch die Wertschätzung durch die Fachkräfte, denen man zuarbeitet, stellt für viele einen großen Motivationsschub dar“, sagt Ulrike Groth.
Die ÖgB-Kräfte, die bei der BFG selbst angestellt sind, arbeiten ausschließlich im Bereich „Betreutes Wohnen zu Hause“. Sie übernehmen jeweils in mehreren Senioren-Haushalten hauswirtschaftliche Tätigkeiten und stehen auch für Gespräche, Spaziergänge, Begleitung bei Arztbesuchen, Unterstützung in Krisensituationen und viele andere Hilfen zur Verfügung. Das kommt dem in Bezug auf die Betreuung im Alter entwickelten Konzept „ambulant vor stationär“ entgegen, das das Kreissozialamt unterstützt.

Perspektiven
 

Insgesamt hat die NEUE ARBEIT gGmbH seit 2013 179 ÖgB-Plätze angeboten. Aktuell sind es 111 Plätze in fünf Projekten. Aus dem am 30.09.2017 abgelaufenen ÖgB-Projekt mit 30 Plätzen gab es elf Vermittlungen in sozialversicherungspflichtige, ungeförderte Beschäftigung, davon eine in eine zweijährige Ausbildung zum Zweiradmechaniker bei der NEUE ARBEIT gGmbH. Ein Teilnehmer ging in Rente. Von sechs vorzeitigen Austritten waren zwei Übergänge in niederschwellige Maßnahmen und einer ein Wechsel innerhalb der Projekte (sozialversicherungspflichtige Beschäftigung ab Nov. 2017). 13 Menschen hatten nach regulärem Abschluss der ÖgB keine direkte Anschlussbeschäftigung. Davon befinden sich sieben zurzeit in Nachbetreuung durch die Coachs, da aktuell noch konkrete Kontakte mit Arbeitgebern bestehen und es eventuell noch zu Arbeitsverträgen kommt. Bei sechs Menschen, sieht die NEUE ARBEIT gGmbH es als unwahrscheinlich an, dass sie im Anschluss oder mittelfristig einen Zugang zum ungeförderten Arbeitsmarkt finden. Wenn man davon ausgeht, dass noch einige der Menschen, die sich im Coaching befinden, ebenfalls in Arbeit einmünden, kann man also von einer Vermittlungsquote in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung von rund 50 Prozent ausgehen.

Diese gute Quote ist auch darauf zurückzuführen, dass die Arbeitsvermittlung der NEUE ARBEIT gGmbH in Essen und der Region sehr gut vernetzt sei, sagt Jessica Weiner. Mit vielen Unternehmen bestünden seit etlichen Jahren sehr gute und auch gut gepflegte Kontakte.

Aber man geht auch neue Wege. So hat die NEUE ARBEIT gGmbH im Oktober dieses Jahres in der Kreuzeskirche in der Essener Innenstadt ihre erste Arbeitgeberbörse veranstaltet. Dazu waren Arbeitgeber mit vakanten Stellen eingeladen, die die Arbeitsvermittlung der NEUE ARBEIT gGmbH im Vorfeld als gut zu den zu vermittelnden Menschen passend eingestuft hatte. 18 Arbeitgeber und 250 Besucherinnen und Besucher, darunter auch ÖgB-Kräfte und Anleitende, nahmen an der Arbeitgeberbörse teil.

Das aktuelle Projekt der BFG im Rhein-Kreis Neuss hat 20 Teilnehmerplätze, dauerhaft besetzt waren 19 Stellen. Aktuell gibt es vier Vermittlungen in den ersten Arbeitsmarkt: Beispielsweise schafft eine Reha-Klinik in Korschenbroich für ihre ÖgB-Kraft eine dauerhafte Stelle im hausinternen Hol- und Bringdienst für Patienten. In den anderen drei Fällen steht die dauerhafte Beschäftigung in der Betreuung fest. Die sechsmonatige Nachbetreuung durch den Coach ist beantragt. Für zwei weitere Teilnehmerinnen sieht die BFG zurzeit gute Chancen für eine Übernahme. Die Gespräche mit den Arbeitgebern laufen.

Und was bleibt für die, die es nicht schaffen? „Bei einigen Menschen sind die Einschränkungen so ausgeprägt, dass wir für sie einen sozialen Arbeitsmarkt als Anschlussoption für sinnvoll halten“, sagt Dr. Uwe Conradt. Eine andere denkbare Lösung könne für diesen Personenkreis auch eine Form von Integrationsbetrieben sein – ähnlich wie für behinderte Menschen. Ulrike Groth sieht das ähnlich: „Wir sagen ganz klar: Für einen bestimmten Anteil der Langzeitarbeitslosen, die wir kennen – oft über viele Jahre –, bleibt im Grunde genommen nur ein dritter Arbeitsmarkt.“ Für andere hält Jessica Weiner eine Verlängerung der ÖgB auf bis zu 48 Monate für sinnvoll, weil sie glaubt, dass bei einigen das Entwicklungspotenzial nach zwei Jahren noch nicht ausgeschöpft ist.
In der aktuellen, noch bis 2020 laufenden ESF-Förderphase wurden in NRW ca. 76 ÖgB-Projekte bewilligt, im Jahr 2017 bisher 26 Projekte (Stand November 2017). Rund 1.600 langzeitarbeitslose Menschen sind in NRW seit 2015 in eine ÖgB eingemündet. Die Gesamtkosten aller Projekte in der neuen ESF-Förderphase belaufen sich seit 2015 auf mittlerweile über 100 Mio. Euro. Über 50 Prozent der Summe bringen die beteiligten Jobcenter auf, ca. 27 Prozent entfallen auf die ESF- und Landesförderung, 22 Prozent erwirtschaften die beteiligten Arbeitgeber, die Kommunen sind mit ca. 2,8 Mio. Euro aus Mitteln der eingesparten Kosten der Unterkunft (KdU) beteiligt.

Die G.I.B. stellt weiterhin eine hohe Nachfrage zur Umsetzung von ÖgB NRW fest. Auch Dr. Uwe Conradt ist davon überzeugt, dass das Instrument ein wichtiger Bestandteil im Kampf gegen Langzeitarbeitslosigkeit bleiben muss: „Die, für die eine neunmonatige AGH nicht ausreicht, würden ohne ÖgB auf der Strecke bleiben – das muss man ganz klar so sehen.“ Und Ulrike Groth ergänzt: „Es gab zwar immer wieder ähnliche Programme, bei denen Beschäftigung mit einer Form von Begleitung kombiniert wurde, aber die Kombination aus langem Förderzeitraum, Coaching und Qualifizierung bei ÖgB ist wirklich einmalig und sollte unbedingt erhalten bleiben.“


1 Alle Programminfos unter: www.gib.nrw.de/themen/wege-der-arbeit/oeffentlich-gefoerderte-beschaeftigung/programminfos

Kontakte

NEUE ARBEIT der Diakonie Essen
arbeitshilfe- und berufsförderungsgemeinnützige GmbH
Am Krausen Bäumchen 132
45136 Essen
Dr. Uwe Conradt
Fachbereichsleiter Beschäftigung
Tel.: 0201 52326-250
uwe.conradt@neue-arbeit-essen.de

Jessica Weiner
Fachbereichsleitung Vermittlung/Arbeitsmarktpolitische Projekte
Tel.: 0201 89413-42
jessica.weiner@neue-arbeit-essen.de
www.neue-arbeit-essen.de

Beschäftigungsförderungsgesellschaft mbH
Rhein-Kreis Neuss
Königstr. 32 – 34
41460 Neuss
c/o Technologiezentrum Glehn GmbH
Hauptstraße 76
41352 Korschenbroich/Glehn
Ulrike Groth
Projektkoordinatorin ÖgB-Projekt „Arbeit für Generationen-AfG”
Tel.: 02182 850 744
u.groth@tz-glehn.de
www.service4waende.de

Ansprechpartner in der G.I.B.

Roland Golding
Tel.: 02041 767243
r.golding@gib.nrw.de

Helmut Kleinen
Tel.: 02041 767208
h.kleinen@gib.nrw.de

Benedikt Willautzkat
Tel.: 02041 767204
b.willautzkat@gib.nrw.de

Autor

Frank Stefan Krupop
Tel.: 02306 741093
frank_krupop@web.de
Artikelaktionen