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(Heft 4/2017)
„Service Center lokale Arbeit“ in Dortmund

Modellprojekt zur Integration langzeitarbeitsloser Menschen

Das Modellprojekt „Service Center lokale Arbeit“ in Dortmund soll langzeitarbeitslose Menschen in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung vermitteln. Das Projekt wird vom Land Nordrhein-Westfalen mit rund 5,5 Millionen Euro unterstützt. Den Förderbescheid hatte Arbeitsminister Karl-Josef Laumann im September 2017 persönlich an die Dortmunder Sozialdezernentin Birgit Zoerner übergeben. Das Besondere am Dortmunder Projekt: Langzeitarbeitslose Menschen arbeiten hier in Betrieben des ersten Arbeitsmarkts. Die Vergabe öffentlicher Aufträge dient dabei als Instrument.

Scheint so, als gäbe es für das Problem einfach keine Lösung: Trotz dauerhaft güns­tiger Konjunktur gelingt es auch über den Einsatz bestehender Arbeitsmarktinstrumente bislang kaum, erwerbsfähige Leis­tungsberechtigte, die länger als vier Jahre im SGB II-Leistungsbezug sind, in den Arbeitsmarkt zu integrieren, – wie in Deutschland insgesamt, so auch in Dortmund. In der Ruhrgebietsstadt sind derzeit rund 12.000 Personen langzeitarbeitslos. Dortmunds Sozialdezernentin Birgit Zoerner sieht deshalb vor allem großstädtische Kommunen gefordert, „neue Wege und Instrumente auf kommunaler Ebene zu entwickeln, um den Problemlagen entgegenzuwirken.“

Die Stadt Dortmund hat die Herausforderung angenommen: In einem vom Arbeitsministerium NRW geförderten Modellprojekt will sie mindestens 210 Personen, die seit vier oder mehr Jahren im Leis­tungsbezug sind, in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung vermitteln –, „ohne dass es zu Verdrängungen auf dem Arbeitsmarkt kommt“, wie Birgit Zoerner betont.

Gelingen soll das über öffentliche Vergaben und den geförderten Ausbau einfacher Tätigkeiten in stadtgesellschaftlich relevanten Feldern – Stichwort „öffentlich geförderter Arbeitsmarkt“ – sowie durch den Aufbau neuer, einfacher Arbeit im ersten Arbeitsmarkt in den Betrieben am Standort Dortmund.

Zur Umsetzung ihres Vorhabens richtet die Stadt Dortmund über das Modellvorhaben ein Service Center lokale Arbeit ein, das unter Federführung der Wirtschaftsförderung Dortmund und des Sozialdezernats eng mit dem Jobcenter kooperiert. Zwei Themenfelder hat das Service Center lokale Arbeit im Blick: Das kommunale Vergabemanagement und die Erschließung neuer Arbeit.

Strategisches Themenfeld I: Kommunales Vergabemanagement
 

Im ersten Themenfeld geht es darum, die Beschäftigung Langzeitarbeitsloser zur Bedingung zu machen bei der Vergabe dafür geeigneter kommunaler Aufträge. Der hier im Projekt modellhaft erprobte Ansatz – er ist der Kern des Modellprojekts – soll bestehende Ansätze der Individualförderung sowie im öffentlich geförderten Arbeitsmarkt ergänzen.

Dazu werden nach Angaben von Thomas Westphal, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung, alle städtischen Vergaben auf die mögliche Integration der Zielgruppe überprüft. Die anschließende Ausschreibung erfolgt in enger Abstimmung zwischen dem Service Center und dem Vergabe- und Beschaffungszentrum der Stadt. Insgesamt 160 Personen sollen in diesem Themenfeld sozialversicherungspflichtig beschäftigt werden.

Thomas Westphal legt großen Wert darauf, dass die Arbeitsverhältnisse sich nach den allgemein geltenden arbeits- und sozialrechtlichen Bestimmungen richten: „Die Langzeitarbeitslosen werden in die normalen Arbeitsabläufe der beauftragten Unternehmen integriert. Sie erhalten so die Chance, sich fachlich und persönlich zu entwickeln und einen dauerhaften Arbeitsplatz zu erlangen. Das sind Möglichkeiten, die sich in einem zweiten Arbeitsmarkt so nicht darstellen lassen.“

Und so sieht das Vergabe-Verfahren aus: In der Leistungsbeschreibung wird der Einsatz von Langzeitleistungsbeziehenden für die potenziellen Auftragnehmer zur Pflicht. Nur so können sie einen Zuschlag erhalten. Um keinen Verdrängungswettbewerb mit den bereits im Betrieb angestellten Personen zu schaffen, müssen diese Langzeitarbeitslosen über das bestehende Personal hinaus beschäftigt werden.

Der potenzielle Auftragnehmer kalkuliert nun in seinem Gesamtangebot die voraussichtlichen Kosten für den zusätzlichen Einsatz eines Langzeitarbeitslosen ein. Dabei orientiert er sich an den gängigen Vergütungsstrukturen. Aufgrund der Qualifikation und Leistungsfähigkeit der Langzeitarbeitslosen dürften die Kosten pro Langzeitarbeitslosen – Mindestlohn und Tariflöhne vorausgesetzt – pro Monat maximal 1.854 Euro brutto betragen. Diese Summe stellt der potenzielle Auftragnehmer dem beauftragenden Fachbereich der Stadt in Rechnung.

Der Fachbereich bezahlt die Rechnung und bekommt nach Vorlegen der Arbeitsverträge der eingesetzten Langzeitarbeitslosen vom Service Center die maximal 1.854 Euro brutto pro Langzeitarbeitslosen erstattet, also exakt den Betrag, um den das Angebot des Unternehmers höher ist als Angebote, die ohne den zusätzlichen Einsatz von Langzeitarbeitslosen zustande kämen. Das heißt: Für den Fachbereich entstehen trotz der Einpreisung zusätzlicher Langzeitarbeitsloser in die Kalkulation des Unternehmers letztlich keine höheren Kosten.

Die Kosten für den Einsatz der Teilnehmenden werden also über das Modellprojekt pauschal finanziert. Der Maximalbetrag in Höhe von 1.854 Euro resultiert aus der Summe von Landesmitteln (80 Prozent) und Eigenmitteln der Stadt (20 Prozent), darin die eingesparten Kosten der Unterkunft für den vermittelten Langzeitarbeitslosen.

Der Vorteil dieser Konstruktion: Nicht das Unternehmen als Arbeitgeber und Auftragnehmer erhält einen Minderleistungsausgleich für den Einsatz von Langzeitarbeitslosen, sondern der Fachbereich der Stadt als Auftraggeber. Eine direkte Subventionierung des Unternehmens wird so vermieden. „Die indirekte Form der Förderung“, erläutert der Geschäftsführer das Konzept, „wirkt dem Entstehen einer Sonderstellung oder gar Stigmatisierung entgegen.“

Weiterer Schwerpunkt im Themenfeld „kommunales Vergabemanagement“ ist der geförderte Ausbau einfacher Tätigkeiten in „stadtgesellschaftlich relevanten Servicefeldern“ über Vergaben. Das soll neue Beschäftigungsperspektiven für Langzeitarbeitslose schaffen.

An folgende Servicefelder ist dabei gedacht: Grünpflege und Stadtreinigung, soziale Quartiersarbeit, Seniorenunterstützung, Hilfeleistungen für Schulen und Kindertageseinrichtungen sowie Inwertsetzung leer stehender Immobilien und Flächen.

Im Servicefeld „Grünpflege und Stadtreinigung“ könnten das zum Beispiel unterstützende Arbeiten bei den Straßenunterhaltungskolonnen oder bei der optischen Aufwertung von Fuß-, Rad- und Wanderwegen sein, im Servicefeld „Soziale Quartiersarbeit“ einfache Verschönerungsarbeiten oder das Entfernen von Graffiti und im Servicefeld „Hilfeleistungen für Schulen und Kindertageseinrichtungen“ die Begleitung von Schulkindern und deren Eltern zu sozialen Einrichtungen und Ärzten – Tätigkeiten mithin, die ausnahmslos im Gemeinwohlinteresse liegen.

Strategisches Themenfeld II: Erschließung neuer Arbeit
 

Über das zweite Themenfeld, „Neue Arbeit aufschließen“, will die Stadt 50 zusätzliche sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze über neue Beschäftigungsmöglichkeiten in den Betrieben am Standort Dortmund sowie der umliegenden Regionen für die Zielgruppe gewinnen.

Hier geht es zum einen um die Schaffung neuer einfacher Arbeitsplätze in Unternehmen. Thomas Westphal ist überzeugt: „In vielen Unternehmen gibt es ein großes Potenzial für an- und ungelernte Arbeitskräfte. Durch ein strategisches Personal- und Aufgabenmanagement können Fachkräfte von einfachen Aufgaben entlastet werden. Durch eine Bündelung dieser einfachen Aufgaben werden dann neue Arbeitsplätze für An- und Ungelernte geschaffen.“ Die Vorteile liegen auf der Hand: „Im Ergebnis steigt die Produktivität der Fachkräfte und die Wertschöpfung des Unternehmens wird optimiert.“

Doch der Wirtschaftsexperte weiß auch, dass Unternehmen für die Arbeit mit An- und Ungelernten meist erst interessiert und aufgeschlossen werden müssen. Deshalb kommen Betriebsakquisiteure und Betriebsakquisiteurinnen zum Einsatz. Nach Auskunft von Thomas Westphal sind das „entsprechend qualifizierte Menschen mit Erfahrungen in der Personal- und Organisationsberatung, die Prozessabläufe und Arbeitszusammenhänge analysieren und im Gespräch mit den Personalverantwortlichen der Unternehmen die Möglichkeiten und den betrieblichen Nutzen neu zugeschnittener Aufgabenfelder darstellen können.“

Ist das der Fall, schlägt das Service Center lokale Arbeit dem Unternehmen geeignete Personen vor. Falls erforderlich, kann eine bedarfsgerechte Qualifizierung erfolgen – koordiniert über das Service Center, das zugleich eine engmaschige Betreuung der Unternehmen garantiert: Von der Auswahl der Teilnehmenden bis hin zur dauerhaften Integration der Zielgruppe in den betrieblichen Arbeitsmarkt. Als Anreiz zur Schaffung einer dauerhaften sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung für die Zielgruppe erhalten Unternehmen eine Prämie in Höhe von 3.000 Euro.

Zusätzlich geht es bei der Erschließung neuer Arbeit aber auch um die Definition und Implementierung neuer Arbeitsmärkte. Der Wirtschaftsförderer: „Aufgrund des Strukturwandels, des demografischen Wandels und vor dem Hintergrund cyberdigitaler Entwicklungen – Stichwort Arbeitswelt 4.0 – ergeben sich neue Anforderungsprofile. Märkte und Arbeitsplätze entwickeln sich, parallel entstehen neue Märkte. Diese Entwicklungen bieten auch die Möglichkeit, Arbeitsplätze für einfache Arbeit zu schaffen. Sie sollen vom Service Center lokale Arbeit identifiziert und gemeinsam mit den Unternehmen in schlüssige Konzepte zum Aufbau ‚Einfacher Arbeit‘ überführt werden, die letztendlich den Menschen einen Arbeitsplatz bieten können.“

Professionelles Coaching
 

Die Auswahl der insgesamt rund 210 erwerbsfähigen Leistungsberechtigten erfolgt – freiwillig und sanktionsfrei – nach einem intensiven Profiling. „Dabei werden bestehende Förderketten berücksichtigt und individuell weitergeführt“, so Frank Neukirchen-Füsers, Geschäftsführer des Jobcenters der Stadt. Aufgrund langjähriger Erfahrung weiß der Arbeits- und Sozialexperte, dass es nicht genügt, Personen der Zielgruppe lediglich eine Arbeitsstelle anzubieten: „Sie benötigen oft zusätzliche stabilisierende Hilfsangebote, um ihre Lebenssituation nachhaltig verbessern zu können.“

Dazu gibt es im Modellprojekt ein begleitendes (Job-)Coaching durch einen externen Träger. Frank Neukirchen-Füsers: „Das Jobcoaching dient zur Festigung des sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisses und zur Stabilisierung der Leis­tungsfähigkeit. Kernpunkt ist dabei die Erhöhung der Selbstkompetenz – Empowerment – der Teilnehmenden. Hierzu gehören unter anderem die Stärkung der Motivation, die Klärung persönlicher Problemlagen wie etwa Verschuldung sowie individuelle Unterstützungsangebote durch sozialpädagogische Fachkräfte in enger Zusammenarbeit mit den Unternehmen.“

Darüber hinaus übernehmen die Jobcoachs die Berufsentwicklungsplanung inklusive der Feststellung sozialer und beruflicher Potenziale und Qualifizierungsbedarfe. Neben der Begleitung der Teilnehmenden kann der Jobcoach aber auch den Arbeitgebern bei Bedarf Hilfestellungen im Umgang mit den Teilnehmenden geben. Ziel all dieser Aktivitäten ist die Verstetigung des Arbeitsverhältnisses auch nach Ablauf des Förderzeitraums.

Differenzierte Qualifizierungsangebote
 

Ein wichtiger Bestandteil des Modellprojekts ist die Qualifizierung der Teilnehmenden. Frank Neukirchen-Füsers: „Die Erfahrungen aus bisherigen Beschäftigungsmaßnahmen haben gezeigt, dass neben den individuellen Qualifizierungen gerade auch die grundlegenden Schlüsselkompetenzen und durchgeführten fachpraktischen Unterweisungen für Arbeitgeber von Bedeutung sind.“

Unterschieden wird im Projekt daher zwischen „tätigkeitsbegleitenden Qualifizierungen zur Stabilisierung des Arbeitsverhältnisses“, „berufsbezogenen fachpraktischen Unterweisungen und Qualifizierungen nach individuellem Bedarf“ und „individuellen Qualifizierungen“.

Tätigkeitsbezogene Qualifizierungen zur Stabilisierung des Arbeitsverhältnisses sind zum Beispiel Kommunikationstraining oder Konfliktmanagement. Berufsbezogene fachpraktische Unterweisungen und Qualifizierungen nach individuellem Bedarf können etwa ein Erste-Hilfe-Kurs sein, Kurse zu den Themenbereichen „EDV Basis“, „EDV intensiv“, „Internettraining“ oder „Arbeitsschutz und Arbeitssicherheit.“

Der dritte Bereich umfasst die individuellen Qualifizierungen, die dem Verbleib im sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnis dienen. Vorstellbare Qualifizierungen sind beispielsweise die Erlangung eines Führererscheins Klasse B oder die Ausbildung zum Alltagsbegleiter. Weitere Qualifizierungen im handwerklich-technischen Bereich kommen ebenfalls in Betracht.

Die Entscheidung für die Durchführung einer Qualifizierung treffen Jobcoach und Teilnehmende gemeinsam. „Das alles“, versichert Frank Neukirchen-Füsers, „geschieht stets in enger Absprache mit den Arbeitgebern.“ Der Jobcenter-Geschäftsführer jedenfalls ist sich sicher: „In normalen Betrieben wachsen langzeitarbeitslose Menschen und machen sich unentbehrlich. Wir erwarten deshalb vom Modellprojekt erhebliche Klebeeffekte im Hinblick auf eine Fortsetzung der Beschäftigung.“

Überfälliger Passiv-Aktiv-Transfer
 

Wir groß die Bereitschaft der Betriebe sein wird, unter den Bedingungen des Modellprojekts Arbeitsplätze mit Langzeitarbeitslosen zu besetzen, bleibt abzuwarten. Das Interesse aufseiten der Langzeitarbeitslosen indes ist schon heute groß. Rund 280 Freiwillige haben sich binnen kürzester Zeit gefunden.

Auch NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann hat das Konzept überzeugt: „Hier bleiben langzeitarbeitslose Menschen nicht unter sich“, so der Minister bei der persönlichen Übergabe des Förderbescheids, „sondern kommen zusammen mit Menschen, die verfestigt im ersten Arbeitsmarkt tätig sind. Sie arbeiten hier also nicht in einem geschützten Raum, sondern sind eingebunden in die Strukturen des normalen Arbeitsmarkts. Dass die Wirtschaftsförderung bei allen Entscheidungen mit am Tisch sitzt, macht deutlich, wie hier gedacht wird. Das ist das Spannende an Dortmund und insofern könnte das Modellprojekt Pate stehen für die Bekämpfung der Langzeitarbeitslosigkeit im großen Ganzen.“

Und dann wies er – zukunftsweisend – noch auf einen anderen Faktor hin: „Dass die Stadt Dortmund die Einsparungen bei den Kosten für Unterkunft in das Projekt einbringt, ist fair und vorbildlich. Angesprochen ist damit zugleich das Thema Passiv-Aktiv-Transfer. Dabei geht es um die Umwandlung der „passiven“ Grundsicherung von Betroffenen im SGB II in eine Bezuschussung „aktiver“ Arbeitsverhältnisse. Im gegenwärtigen SGB II ist das jedoch – bislang – gesetzlich nicht vorgesehen. Eine Gesetzesänderung auf Bundesebene wird jedoch zunehmend Gegenstand der arbeitspolitischen Diskussion.

Ansprechpartner in der G.I.B.

Roland Golding
Tel.: 02041 767243
r.golding@gib.nrw.de

Kontakte

Wirtschaftsförderung Dortmund
Thomas Westphal
Tel.: 0231 5022039
thomas.westphal@stadtdo.de

Jobcenter Dortmund
Frank Neukirchen-Füsers
Tel.:  0231 842-2191
Frank.Neukirchen-Fuesers@jobcenter-ge.de

Autor

Paul Pantel
Tel.: 02324 239466
paul.pantel@arcor.de
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